Lügenpresse und der Fiebertraum des Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen ist. Er schrieb für die Printausgabe 2/2015 des Spiegels, also kurz vor dem Attentat in Paris, einen sehr irritierenden Artikel. Ein anderer langer Artikel zum gleichen Thema erschien bereits im November bei der Zeit unter dem reißerischen Titel „Volle Ladung Haß„. Einige Thesen aus diesen Artikeln wiederholte er in einem Interview in WDR5 am 17.1.: Dort ging es um den Begriff Lügenpresse, der zum Unwort des Jahres 2014 gewählt wurde.

Der Hass der Bescheidwisser

Der Titel seines Spiegelartikels war „Der Hass der Bescheidwisser – Die aktuellen Attacken von Verschwörungstheoretikern bedrohen den Journalismus„. Dort heißt es: „Es braucht nur ein paar Klicks, um in einen merkwürdigen, dunklen Fiebertraum abzudriften, eine schweißnasse Angstfantasie, die von einer Medienverschwörung handelt und einer dämonischen Gewalt, die uns alle manipuliert und systematisch belügt.“ Natürlich findet man im Internet viel Unsinn und Verschwörungstheorien aller Art, aber die Meinung von Menschen so zu beschreiben ist exakt so manipulativ wie er es den Autoren dieser Texte unterstellt.

Anschließend wirft er alles in einen Topf: Pegida und Propagandaschau, Kritik an der Russlandberichterstattung der grossen Sender und Verlagshäuser, „Hooligans gegen Salafisten“ und Russia Today, Rechtspopulisten wie Jürgen Elsässer mit Eva Herman, Ken Jebsen und Udo Ulfkotte. Ein Stefan Niggemeier wird nicht erwähnt, obwohl er im Konzert der Medienkritiker eine wichtige Stimme ist.

Er fragt schliesslich rhetorisch: „Sind dies nicht einfach nur schrille Spinner, gleichsam der Narrensaum der Republik?“ Er spricht von einem „drohenden Dialog- und Kommunikationsinfarkt, der einer offenen Gesellschaft gefährlich werden kann“ und einem Widerspruch zur „offenen Gesellschaft“.

Man darf sich aber fragen, ob es nicht gerade eine Voraussetzung für eine offene Gesellschaft im Sinne Karl Poppers ist, wenn es einen freien Informationsfluss gibt, auch wenn darin eine Menge Unfug schwimmt. Was wäre die Alternative? Pörksen schreibt zum Ende seines Artikels „eine Demokratie lebt von dem Grundvertrauen in ihre Informationsmedien„. Was bitte sind „ihre Medien“? Die staatlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten? Vielleicht auch der Spiegel in der dieser Artikel erschien? Fordert der „gefährliche Kommunikationsinfarkt“ das man gegen die „Spinner“ und „Narren“ des Internets vorgehen muss und falls ja, wie?

Ich sehe es genau umgekehrt: Demokratie lebt vom kritischen Hinterfragen ihrer Medien und vom Einfordern ausgewogener Berichterstattung. Die Alternative wäre blindes Vertrauen: Kritik und gesundes Misstrauen ist ein wichtiges Korrektiv in einer offenen Gesellschaft. Die Medien haben zu Recht in der Ukrainekrise Vertrauen verloren, aber die Lügenpresse-Rufer machen es sich ebenfalls zu einfach: Im ZDF gab es unsägliche Heute-Meldungen, aber auch „Die Anstalt“. Auf Spiegel-Online gab es üble Artikel von Jan Fleischhauer, aber auch ausgewogene von Jakob Augstein.

Die Aufgabe eines Medienwissenschaftlers wie Pörksen sollte es sein, Phänomene differenziert zu analysieren. Die im Internet zu findende Medienkritik hat politisch sehr unterschiedliche Motivationen, ihre Qualität variiert stark zwischen unsachlicher Polemik und faktenorientierter Argumentation. Oft habe ich zum Beispiel gesehen, dass sich Kritiker den alten Spiegel zurückwünschen, der sich „investigativer Journalismus“ nennen durfte: Die Menschen wollen den Medien vertrauen.

An dieser elementaren Aufgabe der Analyse scheitert er spektakulär und dies ist nicht auf einen Mangel an Platz zurückzuführen: Er füllt zwei Textseiten mit einem undifferenzierten Erguß. Bei dessen Lektüre fragt man sich automatisch, ob es nicht genau die Art von „dunklem Fiebertraum“ und „schweißnasser Angstfantasie“ ist, die er den Autoren im Netz vorwirft: In seiner Welt gibt es ein Monster im Internet, dass sich anschickt die seriöse Presse und die freie Gesellschaft zu vernichten.

An einer kleinen Stelle gegen Ende seines Artikels taucht ein besonderer Aspekt auf: Dort ist die Rede von „porös gewordenen Geschäftsmodellen“. Die Verkaufsauflagen der Tageszeitungen sind seit 25 Jahren im Sinkflug und auch der Spiegel kämpft seit 2010 mit Rückgängen in jedem Jahr. Die neuen Geschäftsmodelle finden sich im Internet und dort treffen die Zeitungen plötzlich auf eine freie Konkurrenz. Dagegen hilft aber das Mittel der Polemisierung nicht, welches Pörksen auf den Tisch legt, dagegen hilft nur Qualität.

Qualitätsjournalismus ist aber auch ein Resultat vernünftiger Bezahlung: Was im Bereich der Entlohnung von Journalisten – vor allem von freien – in den letzten Jahren geschah, wäre einen eigenen Artikel wert.

Lügenpresse

Im aktuellen WDR5-Radiointerview. wurde bereits in der Anmoderation die Richtung des Interviews gesetzt: Lügenpresse ist ein Schmähwort für unabhängige Berichterstattung. Mit diesem Beginn wird klar gemacht, dass Selbstkritik in diesem Interview keine Rolle spielen wird. Dabei hätte der WDR durchaus Grund dazu: Man denke nur an die Verwendung von altem Bildmaterial um einen angeblich stattfindenden Panzereinmarsch der Russen in die Ukraine zu illustrieren oder an den Artikel „Gorillas zum Fürchten“ in dem behauptet wird, ukrainische Separatisten würden Opfer des MH17-Absturz verhöhnen: Im bald auftauchenden Video sah man, dass der im Bild gezeigte Mann sich bekreuzigte.

Beides erklärte der WDR später durch bedauernswerte Fehler, aber es waren genug Fehler um ein wenig Selbstreflektion zu erwarten, doch davon keine Spur. Selbst auf massive Kritik durch den ARD-Programmbeirat reagierte der WDR-Chefintendant Tom Buhrow eher aggressiv als einsichtig und verteidigt dann ausgerechnet Golineh Atai und Udo Lielischies. In diversen Beiträgen hat zum Beispiel Lielischies seine Einseitigkeit unter Beweis gestellt. Legendär ist sein Weltspiegel Beitrag „Mörderischer Ukraine-Krieg – Flucht aus Ilowajsk„, den die Ständige Publikumskonferenz in einer Programmbeschwerde zerlegte. Manchmal gab er Fehler sogar zu.

Zurück zum Pörksen-Interview des WDR: Nach dem Intro wird er gebeten, die Herkunft des Begriffs „Lügenpresse“ zu erläutern. Er erwähnt die Nazis und Rosenberg die den Begriff verwendeten und auch die DDR, die von „kapitalistischer Lügenpresse“ sprachen. Damit werden die Verwender dieses Begriffs implizit mit verurteilt: Er nennt sie „denkfaule Ideologen“. Im ersten Weltkrieg sei das Wort erstmals aufgetaucht. Es ist richtig, dass dieser Begriff vor allem im radikalen politischen Spektrum verwendet wurde, aber es sollte auch erwähnt werden, dass das Wort in Wahrheit wesentlich älter ist.

Ebenso sollte man erwähnen, dass dieses Wort auch gegen die Nazis verwendet wurde (Goebbels wurde in Flugblättern „Meister der Lügenpresse“ genannt) oder gerne von katholischer Seite gegen antiklerikale Zeitungen im Einsatz war. Karl Kraus verwendete das verwandte Wort „Presse-Mafia“ oder sprach von „Tintenstrolchen“. Diese Hinweise würde allerdings nicht so gut in seine Geschichte passen. Auch die 68er verwendeten das Wort gegen die Springer-Presse. Pörksen nutzt in diesem Interview das Wort genauso pauschalisierend gegen seine aktuellen Verwender wie er es diesen vorwirft. Damit kein Mißverständnis aufkommt: Mir gefällt das Wort keineswegs und schon gar nicht in der Variante „Lügenpresse – halt die Fresse“. Aber von einem Medienwissenschaftler erwarte ich ein differenzierteres Bild.

Wie merkwürdig die Wahl zum Unwort des Jahres erfolgte, wird ebenfalls nicht thematisiert. Der Wahl liegt weder eine Abstimmung noch eine große Erhebung unter Journalisten zugrunde, sondern es sind fünf Leute, die dies zwischen sich ausmachten: Vier Medienwissenschaftler und ein Journalist. Stephan Hebel war in diesem Jahr der Journalist in der Gruppe: Auf den Nachdenkseiten begründete er seine Entscheidung, mit der sich Albrecht Müller später sehr kritisch auseinandersetzte. Im Kern von Hebels Argumentation steht, dass „Lügenpresse“ ein diffamierendes Pauschalurteil ist. Damit hat er Recht, aber dies gilt auch für andere Kandidaten, welche die Jury verwarf.

Das Entscheidungsgremium berücksichtigte eingesandte Vorschläge. In ihrer Pressemitteilung heißt es, dass es 1246 Einsendungen und 733 vorgeschlagene Worte gab. Dabei wurde nur sieben Mal „Lügenpresse“ nominiert: Auf Platz 1 der Nominierung stand Putin- bzw. Russlandversteher mit 60 Meldungen. Auch das Versteher-Wort ist ein Pauschalurteil, aber es hat einen pressekritischen Beigeschmack, denn die Kritik an der Medienberichterstattung in 2014 betraf oft den Ukrainekonflikt und war meist faktenorientiert. Die Jury stand also vor der Wahl zwischen zwei Pauschalurteilen:

  1. Lügenpresse, dass meist undifferenziert gegen die Presse verwendet wird und nur 7 Stimmen erhielt
  2. Russland-Versteher, mit dem meist sachlich argumentierende Medienkritiker abgebügelt wurden und das fast zehnmal so viele Nominierungen erhielt

Ist es ein Wunder, wenn sich Medienwissenschaftler und ein Journalist bei der Wahl zum Unwort des Jahres auf die Seite der Medien stellen? Und damit sind wir wieder bei der Qualität, für die man gute Leute und Bezahlung braucht. Schauen wir unter diesem Aspekt noch einmal auf den WDR, der gestern das Pörksen-Interview ausstrahlte und Herrn Buhrow, dann findet man dort Meldungen über massiven Stellenabbau. Dies wird der Qualität nicht nutzen, auch wenn Buhrow es „sinnvoll schrumpfen“ nennt.

 

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