Bin ich Charlie ?

Fast jeder scheint zur Zeit Charlie zu sein um für die Freiheit einzutreten. Wie kann man sich auch nicht auf die Seite der getöteten Autoren und der anderen Opfer stellen? Es wurden schliesslich kaltblütig Menschenleben ausgelöscht, wie man es z.B. im Video der Tötung des muslimischen Polizisten sah.

Trotzdem finden sich in der FAZ, der Süddeutschen und anderen Quellen entsprechende Artikel und auch ein Twitter-Tag #JeNeSuisPasCharlie ist unterwegs. Auf Telepolis hat sich dazu eine kleine Debatte entwickelt:

  • Harald Neuber schreibt „Charlie Hebdo ist kein Vorbild für Meinungsfreiheit. Und die demonstrativ zur Schau gestellte Solidarität mit den toten Journalisten ist heuchlerisch“ und „gerade die Islam-Karikaturen waren in mehr als einem Fall nichts weiter als rassistischer Schund“. 
  • Ralf Streck verteidigt in seiner Antwort die Tucholsky-Meinung „Was darf Satire? Alles !“ Ja, sie soll alles dürfen, dass macht ihre aggressiven Varianten aber lange noch nicht zu einem Vorbild dafür, wie man in einer Gesellschaft miteinander umgehen soll.

Beide sind natürlich der Meinung, dass Worte und Zeichnungen nicht mit Waffen und Blut beantwortet werden dürfen. Auch die Kritiker von Charlie Hebdo verurteilen die Tat ebenso wie diejenigen, die ein Schild mit „Je suis Charlie“ hochhalten. Aber viele möchten deutlich machen, dass sie den Stil von Charlie Hebdo nicht schätzen und sich daher zu einem „Ich bin Charlie“ nicht durchringen können. Mir geht es genauso.

Zwei Arten von Solidarität

Vor dem Hintergrund des Tods von Menschen sollte man sehr vorsichtig sein, wenn man sich von einer Solidaritätsbekundung distanziert. Um dies zu tun, will ich zwei Dinge unterscheiden:

  1. Solidarität mit dem Wert der Meinungsfreiheit: Egal wie sehr man Stil und Inhalt von Worten und Zeichnungen ablehnt, darauf ist nicht mit Gewalt zu reagieren. Üble Beleidigungen muss niemand ertragen, aber dafür gibt es Gesetze und Gerichte, nicht Faustrecht und Mord. Das klingt selbstverständlich, aber die Konsequenzen können hart sein: Wenn ein Nazi Juden anpöbelt und dafür geschlagen wird, dann ist das Unrecht.
  2. Solidarität mit der geäußerten Meinung: Ich mag die Polemik von Charlie Hebdo gegen den Islam ebenso wenig wie das Titanic-Titelblatt des Papst, welches ihn mit Urinflecken in der Soutane zeigte. Solange Meinungen im Rahmen der Gesetze bleiben, muss eine zivilisierte Gesellschaft dies jedoch ertragen. Das ist der Preis der Meinungsfreiheit und er kann hoch sein, solange es Menschen gibt, die mit Gewalt reagieren.

Aber ist es wichtig, vor dem Hintergrund der tödlichen Ereignisse über Arten der Solidarität zu philosophieren? Ja, es ist wichtig für die Frage, wie es nach diesem Ereignis weitergeht mit dem Stil der Diskussion in unserer Gesellschaft und der Beurteilung dessen, was in Medien gesagt und gezeichnet wird.

Solidarität im Sinne des ersten Punkts ist entscheidend, wenn es um die Frage geht, was frei und unkontrolliert gesagt und geschrieben werden darf. Hierbei geht es um Bürgerrechte, die manch einer vor dem Hintergrund der Ereignisse begrenzen will. Dies kann durch Gesetze geschehen aber auch durch Gedanken wie „wer provoziert ist es selbst schuld, wenn ihn Gewalt trifft“.

Der zweite Punkt ist ebenso wichtig um eine friedliche Gesellschaft zu gestalten: Eine höhere Sensibilität für die Frage, mit welchen Meinungen man solidarisch ist.

  • Wenn die Zukunft friedlicher werden soll, dann muss jeder klarer zum Ausdruck bringen, dass Provokationen aus Spaß an der empörten Reaktion, zur polemischen Mobilisierung seiner Anhänger oder schlicht als Umsatzbringer nicht geschätzt werden. Das geht zum Beispiel an die Adresse mancher Karikaturisten.
  • Damit die Welt friedlicher wird, müssen wir aber auch von Provozierten fordern, dies ohne Gewalt zu ertragen (und die zu Freundlichen unter uns tun sich schwer damit, dies zu fordern). Das geht zum Beispiel an die Adresse der Vertreter der Religionen – selbst der Papst hat dies noch nicht ganz begriffen.

Absurde Situationen

In welche absurden Situationen man geraten kann, wenn man die beiden Arten der Solidarität nicht unterscheidet, sieht man bei der Berliner Zeitung. Auf ihrem Titelblatt zeigte sie 5 Bilder von denen sie meinte, alle seien von Charlie Hebdo. Eines davon war es jedoch nicht. Es zeigte genau das gleiche Motiv wie eine Hebdo-Zeichnung, jedoch mit einem Juden statt einem Muslim, und einem etwas anderen Text.

Titelblatt BerlinerZeitung

Dazu schreibt sie einige Tage später: „Die Berliner Zeitung hat am 8. Januar 2015 versehentlich eine antisemitische Karikatur von Joe Lecorbeau veröffentlicht. Dafür möchten wir uns nochmals entschuldigen. Es handelt sich um einen äußerst bedauernswerten Fehler, den wir am Tag der Terroranschläge von Paris gemacht haben. Die Karikatur erschien auf unserer ersten Seite neben mehreren anderen religionskritischen Karikaturen der Satirezeitschrift Charlie Hebdo„.

Mit anderen Worten:

Karikaturen BerlinerZeitung

Mit wem steht man zusammen?

Mit einem weiteren Punkt haben einige Autoren ebenfalls ihre Schwierigkeiten: Mit wem hält man plötzlich gemeinsam das „Je suis Charlie“ Schild in die Höhe? Da gibt es Pegida, Bild und Politiker aller Richtungen die in Paris nach dem Attentat für Freiheit demonstrierten. Unter diesen Politikern war auch der saudische Botschafter, dessen Land gerade einen Blogger wegen moderat religionskritischer Bemerkungen mit 1000 Stockhieben und Gefängnis bestraft. Ein anderer war der Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate, in dessen Land auf Apostasie die Todesstrafe steht.

Viele andere der dort demonstrierenden Politiker haben sich in der Vergangenheit ebenfalls nicht als Freiheitsbringer hervorgetan und verwenden das Attentat nun als Anlass, um im Namen der Freiheit Gesetze auf den Weg zu bringen, die unser aller Freiheit begrenzen. Beispiele sind die Befürworter der Vorratsdatenspeicherung oder englische Politiker, welche jede Art nicht abhörbarer Kommunikation verbieten wollen.

Fazit

Die Beleidigung von Religion durch Charlie Hebdo war die Ursache für die Attentate, aber solche Verunglimpfungen können nie eine Rechtfertigung für Gewalt sein. Es gibt aber Arten sich in Worten und Bildern auszudrücken, welche unserer Gesellschaft nicht gut tun. Die Art der Karikaturen von Charlie Hebdo war oft von dieser Art: Man muss sie nicht als Vorbild feiern.

„Ich bin Charlie“ schließt mir zu sehr beide Arten der Solidarität ein, die ich oben nannte: Die mit der Meinungsfreiheit und die mit dem Meinungsinhalt. Ich kann mich wie viele andere nur zum ersten Punkt bekennen. Daher gefällt mit das zweite Symbol der Solidaritätsbekundungen, der Zeichenstift, wesentlich besser.

Stift2

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