Ukraine: Eskalation vor dem NATO-Gipfel

Am 4. und 5. September findet der NATO-Gipfel statt. Dies ist kein gewöhnliches Treffen der NATO, bei dem sich nur Verteidigungsminister an einen Tisch setzen. Rund 60 Regierungschefs werden nach Wales kommen um über die Zukunft des westlichen Militärbündnis zu diskutieren.

Wir erleben nun im Vorfeld dieses Ereignisses eine Eskalation in der Berichterstattung der deutschen Medien: Die Propaganda gegen Russland und Putin erlebt eine neue Qualität, in der immer häufiger der Ruf nach harten Maßnahmen zu hören ist. Es ist an der Zeit die Fakten zu sortieren und sich einen Überblick zu verschaffen, denn die Lage wird für den Frieden in Europa zunehmend gefährlicher.

NATO-Gipfel

Willy Wimmer war 33 Jahre lang Bundestagsmitglied, 7 Jahre verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU, Parlamentarischer Staatssekretär des Bundesministeriums für Verteidigung und 6 Jahre Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE. Man sollte meinen, der Mann weiß wovon er spricht, wenn er auf die Besonderheiten des anstehenden NATO-Gipfels hinweist.

Nicht nur NATO-Mitglieder werden bei dem Gipfel dabei sein, sondern Staatschefs aus der ganzen Welt. Auch Poroschenko wird dabei sein, der vor kurzem bereits Besuch von NATO-Generalsekretär Rasmussen erhielt. Die Ukraine ist zwar kein NATO-Mitglied, aber enger NATO-Partner auf dessen Gebiet schon seit Jahren NATO-Übungen wie z.B. Rapid Trident stattfinden. Es ist zu erwarten, dass auf diesem Gipfel die Bande zur Ukraine noch enger geknüpft werden.

Die Teilnehmerliste motiviert Willy Wimmer zu Vermutungen, die man natürlich nicht teilen muss. Wenn sie aber aus dem Munde eines so erfahrenen Politikers kommen, sollte man zumindest hinhören: Er meint, dass ein Ziel des Gipfels darin besteht, den Einfluss der Vereinten Nationen zurückzudrängen und die NATO als international wichtigste Institution zu etablieren.

Meine persönliche Vermutung ist weniger weitreichend: Wir werden voraussichtlich erleben, dass die Berichterstattung über die Ukraine noch weiter eskalieren wird. Die NATO wird so eine mediale Basis vorfindet, auf der massive Truppenstationierungen in den baltischen Ländern und in Polen und eine schlagkräftige Eingreiftruppe berechtigt erscheinen. Zu dieser Eingreiftruppe hieß es zunächst in den Medien, sie sei für die baltischen Staaten gedacht. In einigen Berichten wird sie mit der Ukraine in Verbindung gebracht. Eine engere Anbindung der Ukraine wird dabei vielleicht auch eine Rolle spielen: Ob es dazu reicht, der Ukraine die Mitgliedschaft anzubieten, bezweifele ich allerdings.

Dieses Vorrücken der NATO an die russischen Grenzen wird die Erstschlagkapazität weiter erhöhen. Bereits jetzt werden zusätzliche Truppen der USA stationiert, z.B. in Norwegen. Gleichzeitig wird die Sensibilität herabgesetzt: Der Oberbefehlshaber der NATO Breedlove in Europa betonte schon, dass dazu bereits kleine Gruppen von Soldaten ohne Hoheitsabzeichen in einem NATO-Land wie den baltischen Staaten genügen würden. Übrigens finde ich, dass der Mann mit „Liebeszüchter“ einen interessanten Namen für seine Position hat.

Vermutlich werden wir im Umfeld des NATO-Gipfels auch mehrfach mit zwei Zahlen konfrontiert werden, die Rasmussen und Breedlove bereits mehrfach nannten: „In den letzten fünf Jahren hat Russland seine Verteidigungsausgaben um 50 Prozent erhöht, während die Verbündeten ihre Verteidigungsausgaben durchschnittlich um 20 Prozent gesenkt haben.“ Das Ziel des Gipfels wird sein, die Militärausgaben der Länder zu erhöhen. Dabei werden die absoluten Zahlen sicherlich nicht genannt: USA und die fünf grössten NATO-Länder gaben in 2013 exakt das Zehnfache für Rüstung aus als Russland – mein persönliches Gefühl der Bedrohung durch Russland ist daher sehr begrenzt.

Eskalation der Berichterstattung

Es ist unmöglich geworden, die täglich hereinströmende Flut von Berichten über die Ukraine noch zu überblicken, aber man erkennt ein Muster. Es gibt keine Belege für eine russische Invasion in der Ukraine (worauf wir gleich noch eingehen müssen), aber die Berichterstattung hält sich immer weniger an Fakten. Sie bestätigt sich selbst durch die stetige Wiederholung der Behauptung einer solchen Invasion. Dabei werden auch krasse Lügen eingebaut, wie wir gleich sehen werden. Zu Beginn dieser Strategie werden noch Worte eingeschoben wie „offenbar“ oder „anscheinend“ und es werden noch als Quelle die Regierung in Kiew oder die NATO genannt, die beide ein Interesse an Vorwürfen gegen Russland haben. Später werden die so wiederholten Behauptungen als „unbezweifelbar“ und „Fakten“ bezeichnet.

Es wird permanent betont, dass man keinen militärischen Konflikt der NATO mit Russland will. Gleichzeitig wird aber darauf hingewiesen, dass man mit Sanktionen und Verhandlungen bei Putin nicht weiterkommt. Das ist eine klassische Darstellung der Lage, wenn man militärische Aktionen vorbereiten will: Wir wollen nicht, aber es ist angesichts der eskalierenden Lage bei diesem Gegner notwendig.

Um es klar zu formulieren: Die Aussage „wir wollen keinen Krieg“ ist glaubwürdig, wenn man sie mit Ideen zu konfliktlösenden Alternativen vorbringt. Sie sollte misstrauisch machen, wenn sie kombiniert wird mit der Aussage „es gibt keine Verhandlungslösung“. Sollte es dann nämlich zu Eskalationen in den kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb der Ukraine kommen oder in der humanitären Situation etwa durch den herannahenden Winter, dann hat man plötzlich die „alternativlose“ moralische Verpflichtung zu militärischer Aktion. Dabei gibt es selbstverständlich Verhandlungsoptionen:

  • Von beiden Seiten ist ein Waffenstillstand zu fordern, was die EU von Poroschenko nicht verlangt. Dessen Version von Waffenstillstand bedeutete bisher stets Abgabe aller Waffen durch die Separatisten, also Kapitulation.
  • Gemeinsame Hilfsaktionen für die Bevölkerung könnten besprochen werden. Der russische Hilfskonvoi wurde von den Medien wie ein trojanisches Pferd dargestellt, von dem Konvoi aus Kiew hörte man plötzlich nichts mehr.
  • Vorschläge für eine föderale Neuordnung der Ukraine können verhandelt werden. Weitere OSZE-Maßnahmen sind vereinbar: Die russische Seite hat dies bisher stets unterstützt.

Die Polarisierung zwischen dem „guten Westen“ und den „bösen Russen“ nimmt zu. Im Fokus steht dabei natürlich Putin als personifiziertes Böse. Auf kleineren Internetseiten und in den Kommentarbereichen der etablierten Medien gibt es weiterhin massive Proteste über die einseitige Berichterstattung, aber diese Menschen werden als Putintrolle oder Putinversteher abgetan, die angeblich die Fakten ignorieren würden.

Wenn die Berichterstattung den normalen Strukturgesetzen der Kriegspropaganda folgt, dann würde der nächste Schritt darin bestehen, diese Menschen als Feinde „unserer Sache“ darzustellen, die jetzt noch harmlos die falsche Sache verteidigen, aber mit zunehmender Eskalation zu verantwortungslosen Gegnern europäischer Werte werden, denen man auch den Mund verbieten muss. Das betrifft dann auch Leute wie mich, die gelegentlich „Feindsender“ wie Ria Novosti oder Russia Today nutzen nicht weil sie glauben, dort die Wahrheit zu finden, sondern weil sie sich ausgewogen informieren wollen.

Presseschau

Stöbern wir in einer Liste von Schlagzeilen, die man erhält, wenn man bei Google-News als Suchbegriff „Putin“ eingibt. Beginnen wir mit einem Beispiel aus der Bild-Zeitung: Sie gilt zwar nicht als Qualitätsmedium, hat aber mit Abstand die größte Auflage und damit Öffentlichkeitswirkung: „Ist der Westen zu zögerlich – Putin führt Krieg …und sie reden, reden, reden“ fordert direkt auf, nicht zu reden und zu verhandeln. Im Kommentar des Artikels meint der stellvertretende Chefredakteur, dass die Ukraine in die NATO müsse. Das bedeutet natürlich Bündnisfall und Krieg der NATO gegen Russland. Um dies zu legitimieren, wird Putin dämonisiert: „Russlands Präsident kennt jede Schwäche des Westens, ob moralisch oder militärisch. Und ist bereit, sie auszunutzen, wann immer es ihm passt. Angela Merkel hat recht, wenn sie sagt, Putin verzeihe keine Schwäche.

Das Kriegsgeschrei zieht sich durch viele Medien. Beispiele:

  • Welt: „Wladimir Putin führt einen niederträchtigen Krieg: Russische Truppen stehen schon tief in der Ostukraine. Sie zeigen, dass der Kremlchef den Westen immer wieder belogen hat. Nun wird es Zeit für eine starke Antwort. Die kann nur die Nato geben.“
  • Ebenfalls in der Welt liest man: „Neosowjet-Imperialismus gegen westliche Demokratie: Die zögerlichen Reaktionen des Westens bestärken Putin bei seinem Frontalangriff auf internationales Recht. Wir müssen gegen die russische Aggressionspolitik eine militärische Abschreckung entwickeln.“ Dies ist der vollständige Viererschritt aus Gut gegen Böse, Bedrohung, Verhandlungen nutzen nichts und dem Ruf nach den Waffen.
  • Tagesspiegel: „Putin und der Westen – Es ist Krieg: Die Zeit der Schönredner und Bagatellisierer ist vorbei. Russland hat auf der Krim und in der Ostukraine Präzedenzfälle geschaffen. Der Westen muss sich revitalisieren.“
  • FAZ: „EU-Gipfel in Brüssel: Russland ist im Krieg mit Europa“ meint die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaitė und fordert entsprechende Reaktionen. Die wehrhafte Dame (schwarzer Gürtel in Karate) scheut auch keine Vergleiche von Putin mit Hitler.
  • n-tv: „Kein Russland-Appeasement – Komorowski warnt vor Europa der Kosaken: Die Sanktionen des Westens gegen Russland sind richtig und fast zu wenig. Das äußert der polnische Präsident Komorowski und fordert eine Stärkung der Ostflanke des Nato-Bündnisses, um der Invasion in die Ukraine etwas entgegenzusetzen.“ Die Formulierung „Europa der Kosaken“ mag Rassisten erfreuen, mich nicht.

Auf dem EU-Gipfel wurde übrigens Donald Tusk zum neuen Präsidenten des Europäischen Rates gewählt: Er spricht zwar kein Französisch und kaum Englisch, ist aber ein Putin-Gegner – dies scheint laut Zeit seine Hauptaufgabe zu sein und muss als Qualifikation genügen.

Über die zahlreichen Artikel, welche Putin dämonisieren, kann man keinen Überblick mehr geben. Ich erspare mir die Arbeit der Verlinkung und nenne nur einige der Worte, die ich dabei las: Perfide, zynisch, Lügenbaron, niederträchtig, täuscht und trickst etc. etc. Aus den Artikeln, die man nur mit akuter Hirnlähmung erklären kann, ragen die über den Spruch unseres Landwirtschaftsministers heraus: „An apple a day keeps Putin away„.

Belege

Welche Belege gibt es nun für die Aktivität russischer Truppen in der Ukraine neben bloßen Behauptungen der NATO und der Regierung in Kiew? Die ukrainische Armee erklärte vor einigen Tagen, sie hätte einen russischen Militärkonvoi mit Artillerie weitgehend zerstört. Dies muss eine Lüge gewesen sein, denn ansonsten wären sicherlich Bilder und Videos als Beweis präsentiert worden.

Die NATO-Satellitenbilder werden oft genannt. Es handelt sich dabei um fünf Bilder, an denen mehreres auffällt:

  1. Sie sind nicht direkt von der NATO, sondern von dem kommerziellen Anbieter DigitalGlobe. Was ist mit NATO-eigenen Bildern, die aufgrund der höher entwickelten militärischen Technik sicherlich besser sein müssten?
  2. Mehrere dieser Bilder sind aus dem Juli. Es stellt sich die Frage, wie gut die Beweislage ist, wenn dies die besten Bilder aus einem Zeitraum von mindestens vier Wochen sind.
  3. Nur auf einem dieser Bilder sind Fahrzeuge zu erkennen. Aber was sind dies für Fahrzeuge und wem gehören sie? Die Bilder beweisen nicht, dass dies eine Kolonne der russischen Armee ist. Wenn es eine solche wäre, dann sollte es doch auch Bilder geben von Reportern in der Region, Handyvideos von Menschen die dort leben usw..

Haben Berichterstatter in der Region russische Truppen beobachtet? Hier sind zwei unverdächtige Quellen:

  • OSZE: Kein Beleg für Einsatz russischer Truppen. Aber es seien mehr russische Freiwillige im Ukraine-Konflikt involviert als erwartet. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat keine Beweise für einen Einsatz regulärer russischer Truppen in der Ukraine. Aus unterschiedlichen Quellen sei jedoch bestätigt worden, dass mehr russische Freiwillige in diesen Kämpfen impliziert seien als erwartet, sagte Thomas Greminger, Ständiger Vertreter der Schweiz bei der OSZE“
  • Eine CNN-Reporterin berichtet in ihrer Videoreportage ebenfalls von keinen Hinweise auf russische Truppen. In ihrem Bericht meinen Anwohner der Region sogar, sie hätten mehr Angst vor den ukrainischen Truppen, die betrunken in der Gegend marodieren.

In diesem CNN-Bericht geht es um Mariupol. Im heutigen Presseclub meinte Cathrin Kahlweit von der Süddeutschen Zeitung, schon die Tatsache, dass es dort Kämpfe gäbe, sei ein Beweis für russische Aktivität, denn vorher hätte es dort keine gegeben. Eine klare Lüge: In Mariupol war sogar das Batallion Asow aktiv, dessen Symbol das in Deutschland verbotene faschistische Symbol der Wolfsangel ist. Wie das ukrainische Militär in Mariupol unbewaffnete pro-russische Zivilisten erschoss, sollte sich Frau Kahlweit in diesem Video anschauen. Ebenfalls wären ihr z.B. Videos aus Luhansk zu empfehlen wie dieses oder jenes und viele andere dieser Art: Statt dessen wird in den Medien suggeriert, die Tausenden von Toten gingen auf Kosten der Separatisten.

Panzer und Soldaten

Was ist mir Berichten über russische Panzer? Hier muss man zunächst einmal weitere klare Lügen benennen. Wie die Propagandaschau bewies, zeigte der WDR ein Foto russischer Panzer mit dem Text „Russische Kampfpanzer fahren am 19.08.2014 noch unter Beobachtung von Medienvertretern in der Ukraine“. Hier wird also ein klarer Art und eine klare Zeit genannt. Das gleiche Foto verwendet die Huffington-Post unter der reißerischen Überschrift „Sie haben praktisch jedes Haus zerstört – Hunderte russische Panzer verwüsten Teile der Ostukraine“.

Dieses Bild findet man aber auch in einem Artikel von n-tv: Nur ist dieser Artikel leider aus dem Jahr 2009 und zeigt russische Panzer bei einem Manöver. Inzwischen hat der WDR dieses Foto aus dem Artikel gelöscht: Der Screenshot ist aber in der Propagandaschau immer noch zu sehen. Der Fall zeigt aber sehr schön, dass auch unsere staatlichen Qualitätsmedien vor solcher Irreführung nicht zurückscheuen um eine tatsächlich stattfindende Invasion vorzutäuschen.

Es ist die Rede von mindestens 1000 russischen Soldaten in der Ukraine. Dies ist eine NATO-Behauptung. Belegt sind nur 10 Soldaten, die an der Grenze auf ukrainischer Seite festgenommen wurden: Laut Russland eine Grenzpatrouille, welche an der unmarkierten Grenze auf die falsche Seite gerieten. Das klingt merkwürdig, aber wenn Russland dabei Böses im Schilde geführt hätte, wären es wohl kaum nur 10 gewesen, die sogar ihre Ausweise dabei hatten. Aktuell wird berichtet, dass diese 10 gegen 63 ukrainische Soldaten ausgetauscht wurden, denen offenbar ebenso die Orientierung verloren ging.

Heftig diskutiert wurde die Anwesenheit russischer Soldaten außerhalb eines offiziellen Einsatzbefehls. Die Separatisten wiesen darauf hin, dass viele Bürger der Ostukraine russische Wurzeln haben und daher auch Verwandte aus Russland auf Seiten der Separatisten kämpfen. Darunter sind auch ehemalige oder aktive Soldaten. Das ist nicht unplausibel. Auf der Seite der Separatisten scheinen auch Franzosen zu kämpfen, so wie auf Seiten des Islamischen Staates schlecht singende Deutsche, von denen mancher auch seinen Wehrdienst in der Bundeswehr abgelegt haben dürfte. „Ex-Bundeswehrsoldaten kämpfen als Dschihadisten in Syrien“ titelt der Spiegel. Sind nun die Regierungen Frankreichs und Deutschlands schuldig?

Die Formulierung „russische Waffen“ ist sehr beliebt, wenn es sich lediglich um Waffen aus ursprünglich russischer Produktion handelt, die aber auch in anderen Ländern und eben auch im ukrainischen Militär eingesetzt wurden. Gelegentlich wird so getan, als sei die Ukraine ein militärisch schwaches Land. Dies ist nicht ganz richtig: Im Jahr 2012 war die Ukraine sogar Chinas wichtigster Waffenlieferant. Das Angebot des staatlichen Rüstungskonzerns Ukroboronprom, der 2012 für fast 7 Milliarden Dollar Rüstungsgüter herstellte, kann man hier bewundern. Poroschenko besitzt selbst eine Firma, die auch Kriegsschiffe und Granatwerfer herstellt. Das ist so, als wenn Angela Merkel nebenbei noch ein florierendes Geschäft mit Tellerminen betreibt.

T-72 und Kontakt-5 ERA

Spannender ist da schon ein Hinweis der BBC auf ein Video, welches angeblich einen Panzertyp zeigt, der in der Ukraine nicht verwendet wird und daher nur aus Russland stammen kann. Dazu muss ich etwas ausholen: Der Panzertyp T-72 ist der am meisten genutzte Kampfpanzer der Welt, der seit Jahrzehnten in großen Stückzahlen hergestellt und in vielen Ländern genutzt wird. Einer seiner Vorgänger ist der T-64, welcher in der ehemaligen Sowjetunion entwickelt wurde, nämlich in Charkow, dass in der heutigen Ukraine liegt.

Beide Typen wurden kontinuierlich weiterentwickelt und z.B. mit fortschrittlicheren Panzerungen ausgestattet. Ein wichtiges Element sind dabei sogenannte Reaktivpanzerungen, die beim Auftreffen eines Geschosses selbst explodieren um die Wirkung der Panzerabwehrwaffe abzuschwächen. Davon gibt es verschiedene Varianten: Wichtig für uns ist die Kontakt-1 und die Kontakt-5.

Beide sehen sehr verschieden aus: Kontakt-1 wie eine Schicht aus Ziegeln, Kontakt-5 erkennt man bei T-72 Panzern an vier dreieckigen Keilen an jeder Seite des Turms. Hier sieht man bei Wikipedia einen georgischen T72-B1 mit Kontakt-1 und einen russischen T72-B3 mit Kontakt-5 Reaktivpanzerung. Hier noch ein Bild zur Erläuterung: Links die Kontakt-5 Panzerung mit ihren markanten Dreiecken am Turm und rechts Kontakt-1.

Warum ist dieses Detail interessant? Die BBC und viele andere Medien berichteten, dass in der Ukraine Panzer des Typs T-72BM aufgetaucht seien die es nur in Russland gibt. Diese hätten die auffällige Kontakt-5 Panzerung. Die BBC bezieht sich dabei auf einen Bericht des International Instituts for Strategic Studies, ein britischer Think-Tank, der übrigens den Irak-Krieg befürwortete und Präsident Bush bei einem England-Besuch beherbergte. Kurz nach dem Irakkrieg in 2003 schrieb Condoleezza Rice eine Lobeshymne auf dieses Institut. Zur Erinnerung: Der Irakkrieg war völkerrechtswidrig und beruhte auf gefälschten Belegen. Nun ist dieses Institut wieder mitten im Geschehen.

Der Panzer im Video, auf das sich das Institut bezieht, ist aber tatsächlich eindeutig ein T-72 mit Kontakt-5 Panzerung. Ist dies ein Beweis dafür, dass es eine russische Waffenlieferung ist? Nicht zwingend: Die ukrainische Armee verfügt auf jeden Fall über T-72B mit älterer Panzerung. Sie hat sogar afrikanische Länder mit T-72 beliefert, deren Kampfwert sie zuvor mit Kontakt-1 Panzerungen steigerte. Sie verwendet Kontakt-5 Panzerungen auch an diversen anderen Panzermodellen wie dem T-72AG und dem T-64BM. Sie besitzen also die Komponenten und die technischen Aufrüstfähigkeiten.

Bereits von Anfang Juli ist dieses Video, welches einen Panzer mit ukrainischer Flagge und der charakteristischen Form einer Kontakt-5 Panzerung am Turm bei der Zerstörung eines Kleintransporters zeigt. Es existiert sogar ein Twitter-Bild, welches einen T-72 mit Kontakt-5 Panzerung zeigt, der die charakteristischen weißen Streifen als Markierung der ukrainischen Armee zeigt. Angeblich wurde er von ukrainischen Streitkräften erbeutet, welche ihn den Separatisten abnahmen, die ihn wiederum von den Russen hatten. Dies ist nicht mehr nachprüfbar. Wenn aber die ukrainische Armee mit einem solchen Panzertyp den Beweis für russische Waffenlieferungen hatte, wieso ist dies dann nicht von ihr breit kommuniziert worden?

Fazit: Hier wird zumindest versucht, auf Faktenbasis zu argumentieren, aber die Basis ist nicht stabil und das Institut, welches die Fakten präsentiert, aufgrund seiner Vorgeschichte eine problematische Quelle. Gesichertere Beobachtungen dieser Art könnten jedoch bestätigen, dass Russland den Separatisten Waffen zukommen lässt.

Ausblick

Aus Zeitgründen kann ich viele weitere Themen nicht ansprechen: Die verfälschenden Interpretationen des UN-Berichts über die Lage in der Ukraine, die Diskussionen um einen neuen russischen Hilfskonvoi, den freien Abzug ukrainischer eingekesselter Truppen, die anstehenden NATO-Übungen in Polen, die Diskussionen um den Begriff „Neurussland“, Putins Aussagen über eine mögliche neue staatliche Ordnung in der Ostukraine, die fünf geplanten neuen NATO-Stützpunkte in Osteuropa und vieles mehr.

Wie wird es weitergehen? Persönlich glaube ich nicht an Verschwörungstheorien und Masterpläne. Ich glaube an Interessengruppen die in Konflikte geraten, Allianzen schmieden und so eine Eigendynamik erzeugen, die gefährlich werden kann. Poroschenko will z.B. unbedingt EU- und NATO-Unterstützung, die NATO will mehr Geld und näher an die Ost-Grenzen heran und die Regierenden in Polen und den baltischen Staaten wollen mehr westliche Unterstützung.

Die Medien wollen reißerische Geschichten und die Politik vor sich hertreiben. In Teilen sind sie auch gelenkt von Interessenverbänden, wie in der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ brilliant dargestellt wurde. Mit einem juristischen Trick wurde dies aus der ZDF-Mediathek verbannt.

Russland will die NATO nicht direkt an den Grenzen haben. Eine Pufferzone zu dem Teil der Ukraine, der westlich wird käme ihm gelegen. Das Volk in der Ostukraine wird bald nur noch eines wollen: Essen, medizinische Versorgung und Schutz vor dem Winter. Mit einem Wort: Frieden.

Die Eigendynamik ist in der vorliegenden Interessenkonstellation hoch gefährlich und ein Konflikt zwischen NATO und Russland nicht auszuschließen. Militärisch hat Russland dabei keine Chance: Die Rüstungsausgaben der letzten Jahre erwähnte ich schon, aber es wäre eine verheerende Katastrophe. Im Umfeld des NATO-Gipfels treffen die mächtigen Interessenvertreter aufeinander: Was in dieser Zeit geschieht, kann Weichen für die nächsten Jahrzehnte stellen.

Die Medien werden dabei wohl weiterhin die Bevölkerung weich kochen, damit wirklich jede Art der Antwort des Westens als gerechtfertigt erscheint. Am Rande wird es aber weiter Kommentatoren und Autoren kleiner Blogs geben. Machen wir uns jedoch nichts vor: Entscheidend sind Bild, Spiegel, Tagesschau und die anderen großen Kaliber auf dem Markt der Meinungen – und das Bild, das die abgeben, ist erschreckend.

 

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9 Gedanken zu “Ukraine: Eskalation vor dem NATO-Gipfel

  1. Zitat:
    Poroschenko will z.B. unbedingt EU- und NATO-Unterstützung, die NATO will mehr Geld und näher an die Ost-Grenzen heran und die Regierenden in Polen und den baltischen Staaten wollen mehr westliche Unterstützung.
    ———-
    Bei der Aufzählung fehlt m. E. dass die Angloamerikaner unbedingt an die russischen Rohstoffe gelangen wollen.
    Etwas was unter Jelzin zum Teil gelungen war.
    Während Putin da berechtigt einen Riegel vorgeschoben hat.
    Von daher bin ich auch der Meinung, dass die Angloamerikaner die Europäer in einen Krieg gegen Russland treiben wollen.
    Später, wenn in Europa alles platt ist, werden die Angloamerikaner sich wieder direkt einmischen und werden die russischen Rohstoffe übernehmen und plündern.
    Außerdem werden ihr militärisch-industrieller Rüstungskomplex und ihre Banken wieder prächtig verdient haben an dem Krieg. Anschließend werden sie sich die Aufbauarbeiten in Europa kräftig bezahlen lassen von den dämlichen Europäern.
    Und so ganz nebenbei werden die Angloamerikaner auch noch die europäische Konkurrenz im Wirtschaftsbereich ausgeschaltet haben. So etwas nennt man auf „neudeutsch“ eine win-win-situation.
    Wer die Angloamerikaner als Freund hat, der braucht wahrlich keine Feinde mehr!

  2. „Die Eigendynamik ist in der vorliegenden Interessenkonstellation hoch gefährlich und ein Konflikt zwischen NATO und Russland nicht auszuschließen. Militärisch hat Russland dabei keine Chance…“

    wieso? Wenn es für Russland eng wird, kann es als ultima ratio seine Atomwaffen einsetzen. In der Militärdoktrin Russlands wird der Einsatz von Atomwaffen zugelassen. Es gibt mehr als genug für jedes NATO-Mitglied (1740 aktive Sprengköpfe)

    • @ anonym

      Vielleicht reicht es ja schon wenn die Russen die US-Atombomben-Lager in Europa und die Atomkraftwerke in der EU und den USA bombardieren?

      • Man kann das Staatsgebiet der BRD durchaus als Appetithäppchen begreifen. Auf deutschem Staatsgebiet befindet sich das USEUCOM, AFRICOM, die Drohnenleitstelle und ca. 25 größere US-Stützpunkte mit nuklear Waffen. Russland kann zwar keinen konventionellen Krieg gewinnen, aber der nukleare Erstschlag ist durchaus realistisch. Bevor Japan Pearl Harbour angriff wurde von den USA ein Ölembargo verhängt, es wäre durchaus vorstellbar dass solche strategischen Opfer militärisches Kalkül bilden. In den USA gibt es 800 FEMA Camps auf denen massenweise Kunststoffsärge und ausgeschachtete Massengräber existieren. Offiziell sollen diese Camps für die massenhafte Einwanderung erstellt worden sein, bei der Größe dieser Camps müssten allerdings 60 Millionen Menschen auf einmal einwandern. Es gibt einige YouTube Videos darüber.

        • Es ist müssig über militärische Konstellationen nach zu denken. Gleichgültig ob konventionell oder gar atomar, in diesem Fall bleibt nichts außer atomarer Staub und im konventionellem Fall ein Europa wie z.B. Syrien, Irak, Lybien etc.übrig. Desgleichen sollte man die Geschichte nicht außer Acht lassen. Schon einmal haben einige “ Führer“ die “ Russen “ vollkommen unterschätzt.

        • @ paul7rear

          Diese Information über die FEMA-Camps kursierte ja schon vor Monaten im Netz.
          Da war die Vermutung, diese Camps seien dazu da, bei den erwarteten Revolten in den USA die Leute einzusperren und Schlimmeres.
          Aber wenn ich mir die immer stärker werdende US-NATO Kriegspropaganda und Hetze anschaue, drängt sich mir der Verdacht auf dass die Angloamerikaner tatsächlich den 3. WK anzetteln wollen. Und das die FEMA-Camps eventuell zur „Entsorgung“ der toten amerikanischen Zivilisten errichtet worden sind.

          Was ich im Moment überhaupt nicht einschätzen kann:

          1) Sind die finanzfaschistischen Angloamerikaner militärisch derartig überlegen, dass sie sich einfach alles erlauben können? Und provozieren den Krieg auf Teufel komm raus um die Herrschaft über die russischen und später sicherlich auch chinesischen Rohstoffe und auch Nationen zu übernehmen?

          oder

          2) Stehen die Angloamerikaner mit dem Rücken zur Wand?

          a) Weil faktisch genau so pleite wie Griechenland.

          b) Die Entwicklung des Gegenmodells der BRICS zum westlichen
          Finanzfaschismus.

          c) Durch Russland mit den BRICS und anderen Staaten gerät der Petrodollar unter Druck, da dieser für deren Handel durch die Landeswährungen ersetzt werden soll.

          In beiden Fällen wäre dieses hektische Agieren des Westens mit dieser immer dümmlicheren und heftigeren Kriegs-Propaganda plausibel. Auch dass es die Eliten im Westen immer weniger schert dass sie immer unglaubwürdiger werden.

    • „Dummerweise treibt man gerade Russland und China einander in die Arme.“
      Wenn China da kein eigenes nationales Interesse dran hätte, würde das ja nicht passieren. Ich denke, das liegt daran, dass China auf Platz 2 der schwarzen Liste steht sie das wissen. Wenn Russland fällt, „kümmert“ man sich vielleicht verstärkt um China. Strategisch gesehen würde das zumindest Sinn machen. Willen und Fähigkeit, Staaten mit „friedlichen Mitteln“ zu destabilisieren und nötigenfalls in „Demokratie“ versinken zu lassen, stellt der Westen ja pausenlos unter Beweis.

      Auch die Lateinamerikaner freuen sich und zeigen, dass Handelssanktionen immer ein zweischneidiges Schwert sind:
      http://www.dw.de/lateinamerika-will-russland-ern%C3%A4hren/a-17841887

      Die Strategie des Westens darauf wird möglicherweise interessant. Mal sehen, ob nicht der eine oder andere lateinamerikanische Staat in nächster Zeit aus ungeklärter Ursache den Schwanz einzieht. Zu Zeiten des kalten Krieges wurden Regierungen schon wegen harmloserer Vergehen gestürzt.

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