Heilige Könige, Papstblut und Windeln: Das Jahr der Reliquien

2014 scheint das Jahr der Reliquien zu sein: In dieser Woche wurden weitere Blutstropfen von Papst Johannes Paul II in Deutschland verteilt, die Kölner feierten in den letzten Wochen das 850ste Jubiläum des Einzugs der Knochen der Heiligen Drei Könige und im Juni zeigten die Aachener ihre vier Reliquien, darunter die Windeln Jesu. Was hat es damit auf sich?

Reliquienkult

Reliquien sind etwas merkwürdiges: In der katholischen Volksfrömmigkeit spielen sie eine große Rolle, während der moderne Flügel der Katholiken und ernsthafte Theologen bei diesem Thema eher peinlich berührt wirken. An den Orten mit den bekanntesten Reliquien werden große Feste und Wallfahrten mit Hunderttausenden Besuchern inszeniert, aber auf die Frage der Echtheit wird ausweichend geantwortet.

Im Katholischen Katechismus kommt das Wort „Reliquie“ nicht einmal vor und im Kirchenrecht, den Codex luris Canonici, erscheint der Begriff nur einmal: Der Handel damit sei verboten – das war es auch schon. Die Protestanten haben seit Luther eine klare Meinung zu Reliquien („Bescheißerei“ meinte Luther zum Trierer Rock), sind aber freundlich genug, dies nicht allzu laut zu sagen.

Reliquien hatten immer schon mehrere Funktionen:

  • Sie gaben der Volksfrömmigkeit ein Objekt der Anbetung, das sichtbar und greifbar war. Ein wichtiges Element angesichts eines komplexen und recht abstrakten dreifaltigen Gottesbilds. Die Reliquien erlauben es ganz konkret und direkt mit Menschen in Kontakt zu treten, die Gott nahe waren.
  • Viele Reliquien besaßen angeblich heilende Kräfte und Wallfahrer erhofften sich Gesundung. So wurden etwa in Würzburg Kopfschmerzen geheilt, in dem man den Kranken die Schädeldecke des heiligen Makarius auf den Kopf legte. Das Anbeten bestimmter Heiliger diente ja dem gleichen Zweck – Germanus von Auxerre hilft z.B. gegen Durchfall – ebenso wie Wallfahrten zu Orten wie Lourdes.
  • Sie gaben dem Besitzer Macht, denn wer die stärkste Reliquie besaß, bei dem wurde auch der stärkste Schutz Gottes vermutet. Diese Vermutung wurde zu Kreuzfahrerzeiten allerdings erschüttert, als selbst das „wahre Kreuz“, mit dem die Christen 1187 in die Schlacht von Hattin zogen, die vernichtende Niederlage nicht verhindern konnte.
  • Reliquien waren und sind eine Geldquelle: Wallfahrer ließen nicht nur in den Städten ihr Geld für die Dinge des täglichen Bedarfs zurück, sondern spendeten auch den Kirchen und Diözesen erhebliche Summen.

Die Reliquienverehrung ist theologisch gesehen seltsam: Laut christlicher Lehre sind Materielles und Seele eigentlich getrennt. Stirbt ein Heiliger, so sollte sein Körper keine besondere Bedeutung haben. Den Reliquien wird aber nachgesagt, dass ihnen noch eine Kraft anhängt, die auf die Wunderkraft des Heiligen zurückgeht, zu der sie gehört. Diese Kraft wird „Virtus“ genannt und etwas mit solcher Kraft zu haben, war natürlich äußerst begehrenswert.

So entstand im Mittelalter nicht nur ein schwunghafter Handel, sondern regelrechte Fälscherwerkstätten. Die Folge war eine Inflation von Reliquien: Die Holzstücke, die angeblich zum Kreuz Jesu gehören, würden reichen um ein Schiff zu bauen, von vielen Heiligen gibt es mehrere Köpfe oder andere Körperteile, zum Beispiel wurden vom heiligen Stephan dreizehn Arme als Reliquien verehrt. Verstarb ein hoher Geistlicher, konnte es leicht geschehen, dass er zerlegt wurde.

So starb der mittelalterliche Kirchenvater Thomas von Aquin 1274 nicht in einem seiner Dominikanerkloster, sondern bei den Ziesterziensern, die seine Leiche prompt behielten. Gerüchten zufolge wurde er vergiftet. Die Dominikaner wollten seine Leiche natürlich bekommen, aber es dauerte fast 100 Jahre bis der Papst entschied, dass die Ziesterzienser den Leichnam herausgeben müssen.

Um ihn als Reliquie behalten zu können, trennten die Ziesterzienser seinen Kopf ab und kochten das Fett aus seinem Körper heraus. Die Dominikaner waren über den kopflosen Leichnam nicht sehr erfreut und so kommt es, dass es heute wundersamerweise zwei Köpfe des heiligen Thomas von Aquin gibt und man Überreste seines Körpers heute in Paris, Toulouse und Rom verehren kann.

Dieses Vorgehen wurden von Theologen zur damaligen Zeit gut geheißen: Sie legten fest, dass auch die einzelnen Teile eines Heiligen ihre Kraft unvermindert behalten. Trotzdem genügte dies nicht um den Bedarf zu decken, also ging man einen Schritt weiter: Es folgte die Reliquienmultiplikation. Die einfachste Methode war die Berührung: Öl konnte heilig werden, wenn es mit dem Kreuz Jesu in Kontakt gekommen war, Stoff wenn man die Knochen oder Kleidungsstücke eines Heiligen darin einwickelte. Dies funktioniert, weil der „Virtus“ sich überträgt. Dies kann man auch mehrfach tun: So kann man an einigen Wallfahrtsorten Heiligenbildchen kaufen, die man zuvor auf solche Berührungsreliquien legte.

Einige Reliquien kann man wohl als kurios bezeichnen. Da der heilige Geist als Taube erschien, gab es auch heilige Schwanzfedern und sogar ein inzwischen leider verschwundenes Ei des heiligen Geists. Noch abstruser ist die Geschichte der Vorhaut Jesu (ähnliche Geschichten gibt es zu seinen Milchzähnen, Nabelschnur und abgeschnittenen Haaren): Jesus ist zwar leiblich in den Himmel aufgefahren, aber als Jude wurde er beschnitten und so verblieb seine Vorhaut, das heilige Präputium, auf Erden.

Eine derart machtvolle Reliquie wollte natürlich jeder haben, und so gab es rund ein Dutzend Orte, die laut eigener Aussage im Besitz der heiligen Vorhaut waren. Inzwischen behauptet dies keine Kirche mehr, denn 1962 schaffte die katholische Kirche den 1. Januar als „Tag der Beschneidung des Herrn“ ab und als letzte Gemeinde beendete das italienische Calcata 1983 seinen alljährlichen Prozessionsmarsch der heiligen Vorhaut: Angeblich war die Reliquie gestohlen worden.

Die heilige Katharina von Siena (1347-1380) behauptete übrigens, dass Jesus ihr erschienen sei, um seine Vorhaut als Verlobungsring zu schenken, den sie seit daher trug. Leider war dieser Ring laut ihrer Aussage unsichtbar. Das galt auch für die Wundmale Jesu die ihren Körper zeichneten, welche aber nur sie selbst sehen konnte. Trotz dieser und anderer recht exzentrischer Verhaltensweisen war sie eine gefragte Beraterin in Dingen des Glaubens und hatte entscheidenden Einfluss auf die Rückkehr von Papst Gregor XI. von Avignon nach Paris. Sie ist auch aktuell noch gefragt: 1999 erklärte die katholische Kirche sie zur Schutzpatronin Europas. Auch Teile ihres Körpers sind Reliquien, die man in Siena besuchen kann.

Fortschrittlichen Theologen wurde die Reliquienverehrung zwar immer peinlicher, denn im Grunde ist es alter heidnischer Fetischglaube. Für den Volksglauben spielen sie aber auch heute noch eine große Rolle, wie die Pilgerzahlen der diversen Wallfahrtsorte zeigen. Das Turiner Grabtuch, das angebliche Leichentuch Christi, dürfte heute die wohl bekannteste Reliquie sein, über dessen Echtheit es endlose Diskussionen gibt.

Es wird nur in größeren Abständen ausgestellt, aber im Jahr 2010 überraschte Papst Benedikt XVI. mit der Anordnung einer Ausstellung des Turnier Grabtuchs, zu der er auch selbst fuhr. Die katholische Kirche hält sich zur Frage der Echtheit der Reliquie salomonisch zurück: Der Erzbischof von Turin Severino Poletto meinte, dass die Echtheit nicht so wichtig sei, entscheidend sei der Akt der Verehrung als Zeichen des lebendigen Glaubens. So kann man mit der Frage nach der Wichtigkeit von Wahrheit natürlich auch umgehen, vor allem, wenn man sich als Hüterin der absoluten Wahrheit sieht. Hauptsache ist, dass mehr als zwei Millionen Menschen wie in 2010 geschehen nach Turin pilgerten.

Die Heiligen drei Könige

Das Kölner Stadtwappen zieren drei Kronen, obwohl es die drei Personen, auf die man sich dabei bezieht, nie gab: Die „Heiligen drei Könige“

  • sind nie von der katholischen Kirche heilig gesprochen worden
  • waren laut einigen historischen Quellen zwei oder vier: Die Bibel sagt dazu nichts
  • sind laut Bibel keine Könige, sondern Sterndeuter (Matthäus 2,1)

All dies ist schon irreführend genug. Hinzu kommt die Geschichte der Reliquien: Angeblich hat sie Kaiser Friedrich I, bekannt als Barbarossa, 1158 in Mailand erobert. Erstaunlich nur, dass dieser Verlust in Mailand nicht beklagt wurde. Allerdings gibt es auch nur eine Quelle die belegt, dass es diese Reliquien dort vorher auch wirklich gab: Leider handelt sich dabei nachweislich um eine Fälschung.

Für Barbarossa war es wichtig, dass es „Könige“ waren, denn es waren aus seiner Sicht die ersten christlichen Könige aus einer Zeit, in der es noch keinen Papst gab. Mit Hilfe dieser Reliquien konnte man also seine Unabhängigkeit von Rom begründen. Übrigens besaß einer seiner Nachfolger, Friedrich III. (genannt Friedrich der Weise) Kurfürst von Sachsen mit rund 19.000 Reliquien eine der größten Sammlungen inklusive einer Leiche aus dem biblischen Kindermord zu Bethlehem.

Das Blut des Papst

Anfang 2011 wurde Papst Johannes Paul II. selig und schon drei Jahre später heilig gesprochen, weil eine französische Nonne ihn im Gebet nach seinem Tod erfolgreich um Heilung ihrer Krankheit bat. Die Idee dahinter ist, dass ein würdiger Verstorbener ein solches Gebet erhören kann, den Wunsch Gott verträgt und dieser erfüllt ihn dann. Die Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass ein solcher Fall hier vorliegt, da die Heilung der Nonne medizinisch nicht zu erklären sei. Die Logik dahinter ist in etwa: Wenn morgens der Bus nicht kommt und ich weiß nicht woran das liegt, so muss es ein Wunder sein.

Wer übrigens meint, die meisten Heiligsprechungen stammen aus dem Mittelalter, der irrt. Johannes Paul II führte mit 482 die Liste unangefochten an, bis der aktuelle Papst Franziskus ihn in kürzester Zeit mit bisher etwa 800 Heiligsprechungen überholte.

Aber zurück zu Papst Johannes Paul II. Wenige Tage nach seinem Tod kam heraus, dass der Kardinal von Krakau im Besitz einer Blutmenge von Papst Johannes war. Diese war ihm während eines Luftröhrenschnitts, seiner letzten Operation, entnommen worden um eventuell im Rahmen einer Eigenbluttransfusion verwendet zu werden. Die Ärzte übergaben Kardinal Dziwisz das Blut, der damals auch Sekretär des Papst war. Dieser plante, die Blutampulle in einen Altar als Reliquie einzusetzen. Er betonte jedoch, dass er eine weitere Aufteilung des Körpers ablehnt.

Es kam jedoch anders: Nachdem das Blut zwischenzeitlich gestohlen und wiedergefunden wurde, teilte man es auf. Inzwischen besitzen wohl über 100 Orte einen Teil davon, in Deutschland z.B. Aschaffenburg, Berlin, Dortmund, Hannover, Hamburg-Harburg, Würzburg und Kevelaer. Seit dieser Woche hat auch die Gemeinde St. Thomas Morus in Obertshausen im Kreis Offenbach ihren Tropfen und darf sich auf fromme Besucher freuen.

Die Windeln Jesu

Aachen besitzt vier wichtige Reliquien: Den Lendenschurz Jesu, ein Kleid Marias, das Enthauptungstuch Johannes des Täufers und natürlich die Windeln Jesu. Alle sieben Jahre gibt es über 10 Tage hinweg die Aachener Heiligtumsfahrt: Eine große Feier mit Präsentationen der Reliquien, zahlreichen Messen und noch viel zahlreicheren Besuchern. Im aktuellen Jahr waren es rund 125000 Christen, die einiges an Geld in der Stadt und Kirche ließen. Apropos Geld: Zu den finanziellen Unterstützern gehörten in diesem Jahr unter anderem die Deutsche Bank und die Dekra.

Das mit dem Geld ist bei der katholischen Kirche ohnehin so eine Sache: Die Deutsche Bischofskonferenz meldet trotz sinkender Mitgliederzahlen für die beiden letzten Jahre absolute Rekordeinnahmen bei der Kirchensteuer. Geld für die Organisation des eigenen Kirchentags in Leipzig haben sie dagegen nicht: Da soll der Steuerzahler zuschießen. Die bösen Linken wehren sich in falsch verstandener Nächstenliebe und möchten die Gelder tatsächlich in so überflüssige Dinge wie Schulen investieren.

Aber wo geht das Geld der Kirche hin? Zur Klärung dieser Frage muss man sich nicht weit von Aachen und Köln entfernen. Dort ist z.B. die Aachener Grund zuhause, ein Immobilenunternehmen, in das mehrere bischöfliche Stühle (die ja ihren Haushalt nicht offenlegen müssen), Gelder investieren. Das fließt dort bevorzugt in Luxusgeschäfte der Mode- und Juwelierbranche oder in große Kaufhausimmobilien. Jesus vertrieb noch die Händler und sprach davon, dass man nicht Gott und dem Mammon dienen kann. Der katholischen Kirche gelang es, diesen Konflikt zu befrieden.

Und wie sieht es in Aachen mit der Echtheit der Reliquien aus? Dazu möchte ich die Frankfurter Rundschau zitieren:

„Für Bischof Heinrich Mussinghoff kommt es auch gar nicht darauf an, ob es „die Windeln sind, in die Jesus wirklich reingemacht hat“. Deutlicher lässt sich moderne Skepsis kaum entkräften. Es geht laut Mussinghoff nicht um „Echtheit“ im naturwissenschaftlichen Sinn, sondern um den Glauben, um eine geistliche Verbindung der Menschen von heute mit den biblischen Gestalten. Deshalb sehe er auch keinen Grund, die Verehrung der Heiligtümer für Unsinn zu halten, bekräftigt der Bischof.“

Hier heiligt der Zweck – im wahrsten Sinne des Wortes – die Mittel, selbst wenn es sich dabei um Betrug und Täuschung handelt. Wären es aber wirklich die Windeln Jesu, so würde es sich in der Tat um ein Wunder handeln: Eine Datierung des Textilstoffes ergab, dass er aus der Zeit des 5. bis 7. Jahrhunderts nach Christi stammt.

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