Fracking

Vor ein paar Tagen hat der größte amerikanische Nachrichtensender Fox-News in einer Sendung eine „Expertin“ zum Thema Sonnenenergie zu Wort kommen lassen: Sie vertrat die Ansicht, dass die USA davon nicht profitieren könnte. Auf die Frage, warum Deutschland in diesem Bereich große Fortschritte macht, war ihre Antwort: Weil es in Deutschland wesentlich sonniger sei als in den USA. Hier der Link zu diesem Interview. Wer sich z.B. in Wüstenregionen wie Arizona umsieht, weiß wie albern diese Behauptung ist, allerdings hat sich mir auch eingeprägt, dass ich dort zahllose Klimaanlagen an Häusern gesehen habe, aber praktisch keine Solarmodule.

Nun ist es nicht verwunderlich, wenn Fox-News Unsinn erzählt: Auf diesen Sender bin ich hier schon einmal eingegangen. Interessanter als die lächerliche Aussage zu Deutschland ist aber die mehrfache Erwähnung der reichen amerikanischen Gasvorkommen in diesem Interview. Das geschieht nicht aus Dummheit, sondern vermutlich mit Bedacht: Dazu muss man kein Verschwörungstheoretiker sein.

In den USA hat sich in den letzten Jahren eine Energiewende vollzogen, die in Europa erst allmählich ins Bewusstsein rückt: Es wird in großen Stil Schiefergas mit Hilfe der Fracking-Technik abgebaut; die USA sind zum weltgrößten Gasproduzenten geworden. Bei der angewendeten Methode werden Wasser, Sand und ein Chemikaliencocktail in den Boden gepresst, um gasführende Gesteinsschichten aufzubrechen. Viele in den USA träumen davon, für mehr als 100 Jahre so von Gasimporten unabhängig zu werden: Wie groß die Reserven wirklich sind, ist aber unklar. Die Gaspreise in den USA sind allerdings bereits massiv gefallen und befinden sich auf einem Niveau, dass etwa ein Viertel des deutschen Gaspreises ist: Das macht auch die europäische Industrie nervös, da dadurch in den USA billiger produziert werden kann.

Dabei handelt es sich natürlich um ein gigantisches Geschäft, bei dem Förderfirmen wie Exxon und Chevron viel verdienen können und entsprechend Geld in Werbung und Lobbying investieren: Es scheint, als sei dieser Einfluss auch bei Fox-News angekommen. Das auch Firmen wie Chevron selbst bereit sind Unsinn zu erzählen, zeigte die am 29.1. bei Arte ausgestrahlte Dokumentation Gasfieber: Dort sah man Mitarbeiter der Firma Chevron, wie sie polnischen Bauern erklärten, bei den Fracking-Chemikalien handele es sich um Substanzen, die auch in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie eingesetzt werden wie Zitronensaft und Kochsalz.

Gegen die Konzerne brandet eine Kritikwelle von Umweltschutzorganisationen und Bürgern der Gebiete, in denen mit der Förderung begonnen wurde oder diese geplant ist. Filme wie Gasland, auf den die US-Energieindustrie mit dem Projekt Truthland reagierte, oder der gerade erschienene Film Promised Land mit Matt Damon in der Hauptrolle beschäftigen sich mit dem Thema.

Die Liste möglicher Umweltbelastungen ist lang: Der eingebrachte Chemiecocktail ist Betriebsgeheimnis und ob er immer dauerhaft vom Grundwasser abgeschirmt werden kann ist nicht völlig geklärt. Das ausgewaschene Gas ist ebenso kontaminiert wie das wieder austretende Bohrlochwasser. An den Bohrstellen kann es Probleme mit der Abdichtungen der Zu- und Ableitungen geben. Bei den Bohrungen und ihren Vorbereitungen kann es seismische Probleme geben. Auf ihren Internetseiten sehen Firmen wie Exxon und Chevron sehen dies natürlich anders.

Die Konzerne, die Fracking betreiben, arbeiten rasch, denn noch liegen kaum unabhängige Studien vor, auf deren Basis Politiker entscheiden könnten und der Informationsstand in der Bevölkerung ist noch gering. Das Thema Fracking ist in Europa noch relativ neu: In Deutschland gab es nur wenige Aktivitäten, aber in diesen Tagen wird die Debatte neu befeuert, z.B. hier:

  • Bundesumweltminister Altmaier gibt Fracking in Deutschland keine Chancen
  • in CDU und FDP bilden sich starke Gruppen, die es ermöglichen wollen
  • der Spiegel sieht darin ein kommendes Wahlkampfthema
  • die Zeit erwartet einen Ideologiestreit
  • die BASF bringt sich als deutscher Konzern zu dem Thema ins Gespräch
  • und angeblich will die Regierung jetzt ganz schnell entscheiden

Der große Zusammenhang ist relativ klar: Uns werden natürliche Ressourcen wie Gas und Öl ausgehen. Es ist daher eine Energiewende hin zu erneuerbaren Energien erforderlich und je eher wir damit beginnen, desto weniger schmerzhaft wird der Übergang. Die damit verbundenen Investitionen sind gewaltig und die Verluste für die Industrie erheblich, weil sie ihre alten Anlagen nicht mehr nutzen können. Gelingt es, mit neuen technischen Möglichkeiten noch etwas mehr der alten Energiequellen aus der Erde herauszuholen, so ist dies für die Betreiber der alten Energieformen ein großes Geschäft. Dabei werden Themen wie Umweltschutz gegen ökonomische Argumente ausgespielt, allerdings ist es langfristig im gesamtgesellschaftlichen Interesse, Geld in die Energiewende zu investieren und nicht in die letzten Zuckungen einer versiegenden Energiequelle. Dies betrifft nicht nur Fracking, sondern auch andere Bereiche, in denen die letzten Reserven der Erde ausgequetscht werden, wie z.B. die ebenfalls problematische Ölsandförderung.

Die eingangs genannte kleine scheinbar alberne Nachricht von Fox-News über die viele Sonne in Deutschland ist ein kleines Puzzle in diesem Spiel von alter gegen neue Energieformen. Man kann über sie lachen, aber man kann sie auch als Warnung verstehen: Wer sich jetzt nicht über das Thema informiert, wird leicht an der Nase herumgeführt. Es werden übrigens auch Gegner der Frackingtechnologie mit unlauteren Argumenten und Panikmache kommen. Daher hilft nur eins: Sich selbst schlau machen, denn das Thema ist wichtig genug.

UPDATE: Ein guter ausführlicher Artikel erschien am 14.2.2013 auf Zeit-Online.Hier der Link .

 

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