Die Kirchengeschichte der Abtreibung

Abtreibung ist für viele Christen ein hochemotionales Thema. Dies ist nicht verwunderlich: Wenn man einen Schwangerschaftsabbruch als Mord ansieht, dann sind die aktuellen Zustände in Deutschland Massenmord: In 2011 wurden in Deutschland 108867 Abtreibungen durchgeführt. Dementsprechend fallen die Schlagzeilen vor allem in konservativen katholischen Medien aus: Da ist z.B. die Rede vom „schlimmsten Holocaust in der Geschichte der Menschheit“ und die World Health Organisation wird wegen eines Handbuchs für sichere Abtreibung mit Hitler verglichen. Das Ergebnis sind oft massive Attacken gegen Ärzte, die Abtreibungen durchführen, bis hin zu deren Ermordung, die von Pro-Life Aktivisten anscheinend billigend zur Kenntnis genommen werden.

Es ist übrigens auch möglich, mit nicht religiösen Gründen gegen Abtreibung zu argumentieren, z.B. in dem man darauf verweist, dass mit dem Verschmelzung des Erbguts von Mutter und Vater die genetische Individualität eines neuen Menschen weitgehend festgelegt ist. Es ist zwar noch ein Zellhaufen, aber einer mit Potential zum Menschsein und individueller Charakteristik. Hält man diese Argumente für richtig, dann müßte man folgerichtig ebenfalls davon sprechen, dass heutzutage ein Massenmord stattfindet. Den umgekehrten Weg gehen auf Basis wissenschaftlich-philosophischer Argumente andere Ethiker: Sie argumentieren, dass auch Neugeborene mit Behinderungen noch getötet werden dürfen. Das Spektrum der Positionen ist also breit.

Wandel der Meinung im Christentum

Den Versuch zu klären, wer Recht hat, möchte ich allerdings hier gar nicht starten: Mir geht es um etwas Anderes. Der letzte Abschnitt sollte zeigen, dass es Argumente für und gegen Abtreibung gibt: Hier gibt es also Diskussionsbedarf. Diese Diskussion wird nicht immer zahm sein, denn es geht um Menschenleben und die Frage, wann ein solches beginnt: Dies berührt unser Verständnis vom Menschsein zutiefst. Die Kirchen tun jedoch so, als hätte es auf ihrer Seite nie eine Diskussion gegeben, sondern als sei es von jeher so gewesen, dass Abtreibung von Gott und kirchlicher Lehre immer schon als Mord angesehen wurde. Dies ist unwahr und daher sind viele Aktionen vor allem katholischer Kreise hart an der Grenze zur Heuchelei.

Der katholische Katechismus sagt heute: „Das menschliche Leben ist vom Augenblick der Empfängnis an absolut zu achten und zu schützen„. Gründe wie Behinderung oder Zeugung durch Vergewaltigung spielen dabei keine Rolle: Die abtreibende Frau, der durchführende Arzt und alle Beteiligten werden exkommuniziert. Wirft man einen Blick auf die Kirchengeschichte, so stellt man fest, dass die Verurteilung der Abtreibung von der Empfängnis an als Mord keineswegs immer schon existierte.

Im Christentum wurde die Abtreibung stets als Sünde bewertet, jedoch nicht immer als Tötung. Im Alten Testament heißt es in 2. Mose 21,22-23: „Wenn Männer miteinander raufen und dabei eine schwangere Frau treffen, sodass sie eine Fehlgeburt hat, ohne dass ein weiterer Schaden entsteht, dann soll der Täter eine Buße zahlen, die ihm der Ehemann der Frau auferlegt; er kann die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten. Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben„. Der Tod des Fötus wird also bestraft wie eine Sachbeschädigung und aus dem zweiten Satz geht hervor, dass erst ein „weiterer Schaden“ dann ein Schaden am Leben wäre, z.B. wenn auch die Frau zu Tode kommt.

Nebenbemerkung: Es ist auch im zweiten Buch Mose, in dem Gott selbst einen Massenmord an Kindern durchführt: „So spricht Jahwe: Um Mitternacht will ich mitten durch Ägypten gehen. Dann wird jeder Erstgeborene in Ägypten sterben, vom Erstgeborenen des Pharao, der auf dem Thron sitzt, bis zum Erstgeborenen der Magd an der Handmühle und bis zu den Erstlingen unter dem Vieh“ (2.Mose 11,4-5). Dies geschieht, weil der Pharao die Israeliten nicht ziehen lassen möchte. Allerdings handelt er so, weil Gott selbst ihm dies eingab: „Der Herr sprach zu Mose: Geh zum Pharao! Ich habe sein Herz und das Herz seiner Diener verschlossen, damit ich diese Zeichen unter ihnen vollbringen konnte“ (2.Mose 10,1).

Antike und Mittelalter

In der Antike und im Frühmittelalter vertrat die Kirche meist eine harte Position zur Abtreibung: Mit dem Argument, dass jede Frucht schon in ihrem Samen enthalten ist, wurde die Abtreibung ab der Zeugung verboten. Auf der Synode von Elvira wurde 306 erstmals offiziell der Schwangerschaftsabbruch verurteilt und unter Kaiser Konstantin schließlich später die Todesstrafe für Abtreibung eingeführt. Sich als Katholik auf die Synode von Elvira zu berufen, wäre allerdings merkwürdig: Dort wurde auch ein Zinsverbot erteilt und die Bilderverehrung ebenso verboten wie das gemeinsame Essen mit Juden; alles Regeln, denen Katholiken heute nicht mehr folgen wollen.

Mit dem Aufkommen der scholastischen Theologie änderte sich die Einstellung zur Abtreibung: Die antike Philosophie des Aristoteles beeinflusste diese Theologie und ihren Hauptvertreter Thomas von Aquin stark. Beide lehrten eine Sukzessivbeseelung, bei der die menschliche Seele erst ab dem vierzigsten Tag bei einem männlichen Fetus und ab dem neunzigsten Tag bei einem weiblichen Fetus eingegeben wird. Dies war nicht unumstritten: So vertrat z.B. Albertus Magnus, der Lehrer des Thomas von Aquin, diese Meinung nicht sondern war davon überzeugt, dass die menschliche Seele von der Zeugung an im Fetus enthalten ist (Simultanbeseelung).

Die Ansicht der Sukzessivbeseelung setzte sich jedoch durch und wurde im Decretum Gratiani Kirchenrecht. Im Kirchenrecht des Corpus Iuris Canonici wurde dann jahrhundertelang (1140-1869) zwischen dem fetus inanimatus und animatus, also unbelebt und belebt, unterschieden. Eine Abtreibung war in beiden Fällen Sünde, aber nur nach der Beseelung ein Mord. Selbst Päpste wie Innozenz III. entschieden im Mittelalter, dass bei einer Abtreibung in den ersten drei Monaten kein Mord vorliegt. Andere Päpste hingen der These der Simultanbeseelung an, aber das Kirchenrecht änderte sich erst 1869.

Ein neues Dogma und seine Folgen

Der Grund für diese Änderung war das 1854 verkündete Dogma der unbefleckten Empfängnis. Dieses Dogma hat nichts mit der jungfräulichen Geburt Jesu zu tun (dies ist ein häufig zu findendes Mißverständnis), sondern besagt, dass Maria frei von Erbsünde ist. Daran entzündete sich ein theologischer Gedankengang, der auf den früheren päpstlichen Leibarzt Paul Zacchias zurückgeht. Er argumentierte folgendermaßen: Wenn wir die unbefleckte Empfängnis feiern, was auch vor der Dogmenverkündigung schon geschah, dann würden wir nach der Logik der Sukzessivbeseelung eine noch nicht beseelte Leibesfrucht anbeten. Das kann aber nicht sein, weil die unbefleckte Empfängnis ein besonderer Gottesakt war, mit dem Maria beseelt und belebt wurde.

Als die unbefleckte Empfängnis zum Dogma erhoben wurde, gewann dieses Argument natürlich an Bedeutung und die Lehre der Sukzessivbeseelung wurde 1869 von Papst Pius IX. aus dem Kirchenrecht gestrichen. Zwei interessante Artikel zu dem Thema erschienen in der Zeit und in derFreitag. Papst Pius IX. wurde übrigens noch durch ein zweites Dogma bekannt: Er führte auf dem leicht chaotischen 1. Vatikanischen Konzil das damals hoch umstrittene Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit ein.

Diese Haltung von Papst Pius IX., der im Jahr 2000 selig gesprochen wurde, ist bis heute gültig. Allerdings begründet die katholische Kirche ihren Standpunkt, dass Abtreibung zu jedem Zeitpunkt Mord sei, nicht mehr nur theologisch. Sie sagt auch, dies sei naturrechtlich zu begründen und daher für alle Menschen bindend. Menschenrechtserklärungen, die den Schutz des ungeborenen Lebens nicht einschließen, werden daher von der katholischen Kirche nicht akzeptiert.

Das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965) bezeichnete Abtreibung als „verabscheuungswürdiges Verbrechen“; eine schon früh kritisierte Benennung in der Diskussion um den Paragraphen 218, der das in Deutschland gültige Recht enthält. Eine Zusammenfassung der aktuellen katholischen Position enthält die Enzyklika Evangelium Vitae von 1995. Auch in ihr wird behauptet, die katholische Kirche hätte Abtreibung schon immer als Mord betrachtet und überspringt dabei schlicht Jahrhunderte mittelalterlichen Kirchenrechts.

Zur Abtreibung werden in der Enzyklika harte Worte gefunden: „Die sittliche Schwere der vorsätzlichen Abtreibung wird in ihrer ganzen Wahrheit deutlich, wenn man erkennt, daß es sich um einen Mord handelt, und insbesondere, wenn man die spezifischen Umstände bedenkt, die ihn kennzeichnen. Getötet wird hier ein menschliches Geschöpf, das gerade erst dem Leben entgegengeht, das heißt das absolut unschuldigste Wesen, das man sich vorstellen kann„. Aber wie eingangs gesehen: Heutige Pro-Life-Aktivsten finden noch wesentlich härtere Worte.

Was können wir aus der Kirchengeschichte zur Abtreibung lernen? Zunächst einmal kann man Christen darauf aufmerksam machen, dass auch die katholische Kirche nicht immer Abtreibung als Mord ansah. Dies sollte man möglichst in ruhigem Ton tun und nicht als polemischen Heucheleivorwurf in die Diskussion bringen: Viele Christen werden es nicht wissen und ein freundlicher Ton hilft beim Angesprochenen, das Argument zu akzeptieren. Wird das Argument akzeptiert, so wäre meine Hoffnung, dass dies die Diskussion etwas versachlicht.

 

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