Schulden im Dritten Reich: Wir Kriegsgewinnler

Heute veröffentlichte das Statistische Bundesamt den neuen Schuldenstand Deutschlands: Erstmals wurden 2000 Milliarden Euro überschritten. Das die in Europa und den USA wachsenden Schuldenstände nicht ewig weiter steigen können, leuchtet ein. Das zur Zeit kein Ende in Sicht ist, lässt die Angst vor einer harten Landung wachsen, zumal schlichtes Sparen auch zu Deflation und Wirtschaftskollaps führen kann, wie die Austeritätspolitik von Reichskanzler Brüning zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise um 1929 zeigte.

All dies kennen wir aus zahlreichen großen Finanzkrisen der Geschichte. Trotzdem ist das Finden der richtigen Finanzpolitik alles andere als leicht und natürlich habe ich keine Lösung anzubieten. Statt dessen will ich den Anlass der neuen Rekordverschuldung für einen kurzen historischen Exkurs nutzen. Die Weltwirtschaftskrise, welche mit dazu beitrug, der Weimarer Republik das Genick zu brechen, ist gut bekannt. Die Schuldenpolitik der Nazis ist jedoch kaum präsent: Wie viele Deutsche haben schon mal das Wort „Mefo-Wechsel“ gehört? Auf die Schuldenpolitik der Nazis will ich kurz eingehen, zumal diese Geschichte entscheidend zum Wirtschaftswunder Deutschlands und dem Aufstieg zum Exportweltmeister beitrug (das hören wir Deutschen aber nicht so gerne).

Das Wirtschaftswunder der Nazis

Mit den ersten Jahren des Dritten Reichs verbinden viele Menschen Bilder vom Autobahnbau, Übergang zu Vollbeschäftigung, Reichsarbeitsdienst und boomender Wirtschaft. Die Frage ist natürlich: Wie haben die das geschafft? Dazu trug ein Bündel von Effekten bei, z.B.

  • Autobahn- und Kasernenbau, Reichsarbeitsdienst und Wehrpflicht holten viele Leute von der Straße
  • die Industrie wurde im großen Stil aufgebaut, insbesondere in den Bereichen Stahl, Kohle und Rüstung
  • die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen wurden wieder besser und als Folge der vorübergehenden Zahlungsunfähigkeit deutscher Banken 1931 die Reparationszahlungen des Versailler Vertrags beendet.

Aber: Das Geld für Rüstung und Bauprojekte musste irgendwo herkommen und genau wie zu Zeiten der Weimarer Republik setzte man wieder auf Schulden. Dazu wurden Methoden eingesetzt, welche heutigen Investmentbänkern sicherlich ein anerkennendes Nicken entlocken würden.

Ein zentrales Werkzeug waren Wechsel, also Wertpapiere, für deren Auszahlung jemand gerade stehen muss. Der wichtigste Wechsel war der sogenannte Mefo-Wechsel: Mefo steht dabei für „Metallurgische Forschungsgesellschaft“; die war nichts anderes als eine vom Deutschen Reich eingerichtete betrügerische Scheinfirma. Der Mefo-Wechsel funktionierte grob gesagt wie folgt: Der Staat musste die Aufrüstung bezahlen, hatte aber dafür nicht genügend Geld, z.B. weil das Reichsbankgesetz die maximale Staatsverschuldung deckelte. Also musste jemand anderes de Aufrüstung bezahlen und zu diesem Zweck wurde eine Scheinfirma gegründet, eben die Metallurgische Forschungsgesellschaft oder kurz Mefo mbH.

Damit dies seriös wirkte, brauchte man natürlich ein paar klangvolle Namen, denn der Staat selbst durfte ja kein Kapital einbringen. Das Stammkapital wurde daher von so namhaften Firmen wie Siemens, Krupp und Rheinmetall eingebracht, aber die Höhe dieses Kapitals reichte nicht einmal zur Deckung auch nur eines Tausendstel aller Ausgaben. Aber das war auch gar nicht notwendig, denn gezahlt wurde ja nicht mit Geld, sondern mit Wechseln, also Schuldscheinen, von denen man wusste, dass man sie nie wird begleichen können. Die Alternative zur Begleichung der Schulden war auch viel eleganter: Man finanziert auf Pump die Rüstung, damit man mit den so gebauten Waffen anschließend auf Raubzug gehen kann, am besten in den Ländern, von denen man das Geld geliehen hat. Clever.

Übrigens: Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur und wohin exportieren wir besonders gerne? Richtig: Nach Griechenland. Ich rechne aber trotzdem aktuell nicht mit einem Einfall griechischer Truppen in das Frankfurter Bankenviertel.

Die Mefo-Wechsel waren natürlich reines Spielgeld, aber sowohl innerhalb Deutschlands wurden sie als Zahlungsmittel zwischen Unternehmen akzeptiert wie auch im Ausland. Alleine durch die Mefo-Wechsel wurden mindestens 20% der deutschen Rüstungsausgaben der Nazi-Zeit finanziert, bevor man sie in andere Wertpapiere umschuldete (immer noch ein beliebtes Bänkermittel). Mit diesem virtuellen Zockergeld konnte eine echte Industrie und echte Rüstung aufgebaut werden.

Ab 1938 änderten sich dann die Spielregeln: Nun kam neues Geld z.B. durch den Anschluß Österreichs hinein, etwa die Goldreserven der Österreichischen Nationalbank, sowie durch die Plünderung jüdischen Besitzes. Mit Beginn des zweiten Weltkriegs griffen dann die neuen Spielregeln der Kriegswirtschaft, die mit einem weiteren Aufbau der deutschen Industrie einherging.

Das Wirtschaftswunder nach dem Krieg

Was aber hat dies mit dem heutigen Exportweltmeister Deutschland zu tun? Vielen schwebt vor Augen, dass Deutschland am Ende des zweiten Weltkriegs völlig zerbombt war. Dieses Bild ist falsch. Im Nachkriegsdeutschland war die Wirtschaft viel weniger von Kriegsfolgen betroffen als z.B. Wohngebäude: Die Wirtschaft war immer noch leistungsfähiger als zum Ende der Weimarer Republik und sogar stärker als zu Kriegsbeginn.

Während im Osten die Sowjets Industrieanlagen als Reparationsleistungen heranzogen, geschah dies im Westen nicht (dort gab es zusätzlich den Marshallplan): Viele Unternehmen, deren Anlagen nicht demontiert wurden, flohen vom Osten in den Westen, was die Wirtschaftskraft Westdeutschlands weiter erhöhte. Eine zusätzliche wichtige Grundlage für das Wirtschaftswunder und unseren langjährigen Status als „Exportweltmeister“ wurde durch die Kopplung der deutschen Mark an den Dollar erreicht: Das wirkte wie eine Exportsubvention; die USA hatten ein Interesse an einem starken Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus.

Insgesamt hatte die deutsche Nachkriegswirtschaft damit eine so hohe Leistungsfähigkeit, dass ihr Hauptproblem die fehlenden Absatzmärkte waren: Es gab eine Überkapazität z.B. im Bereich der Stahlindustrie. Gerne unterschlagen wird die Bedeutung des Korea-Kriegs für die deutsche Wirtschaft, durch den sich insbesondere für die Stahlindustrie Absatzmärkte ergaben: Erst durch die Folgen des Korea-Booms wurde die Auslastung der deutschen Wirtschaft erreicht.

Diese Anfänge des deutschen Wirtschaftswunders werden meist verschwiegen und ersetzt durch die schmeichelhafte Geschichte von deutschem Fleiß und Arbeitsamkeit. Natürlich gab es diesen Fleiß auch, aber er genügt eben nicht, um ein Land aufzubauen. Die Darstellung der bösen Deutschen, die sich in den griechischen Medien zur Zeit findet, ist natürlich überzogen, aber wir sollten auch von unserem hohen Roß heruntersteigen und schauen, wie sich die deutsche Wirtschaftsgeschichte von außen betrachtet darstellt. Was wir dann sehen, ist nicht immer schmeichelhaft: Deutschland hat den zweiten Weltkrieg verloren, aber wirtschaftlich hat unser Land ihn tatsächlich gewonnen.

Griechenland

Griechenland war dagegen auf der Verliererseite: Nirgends waren die von den Nazi-Besatzern abgepressten Besatzungskosten pro Kopf so hoch, es gab furchtbare Hungerkatastrohen und zeitweise eine Säuglingssterblichkeit von rund 80%. Die Wirtschaft und Industrie Griechenlands wurde von Deutschland komplett ausgebeutet, die Geldmenge vermehrt bis zum Währungskollaps und der billige Import griechischer Waren über die Deutsch-Griechische Warenausgleichsgesellschaft, welche die Ausplünderung weiter systematisierte, sichergestellt.

Griechenland wurde nach dem Krieg nicht durch die USA wirtschaftlich im großen Stil gefördert so wie Deutschland. Reperationswünsche der Griechen wurden ignoriert und vertröstet: Ihnen wurde sogar signalisiert, dass sie sich mit Entschädigungsforderungen an Deutschland zurückhalten sollten, wenn sie den Wunsch hätten, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (wie es früher noch hieß) beizutreten. Erst 1960 wurden ganze 115 Millionen DM Kriegsentschädigungen gezahlt. Das ist lange her, aber wir sollten beachten, dass uns das Vergessen dieser Zeit leichter fällt als den Griechen: Es ist eine historische Last, die jetzt manchmal (oft unfair) wieder hochgespült wird.

Es ist leider wahr: Wir sind alle auch ein wenig kleine Kriegsgewinnler.

Und noch ein Nachschlag: Die höchste Steigerung der aktuellen deutschen Schulden weisen die Gemeinden auf, nicht die Länder oder der Bund. Dies war zu Zeiten der Weimarer Republik ebenso. Eine Stadt tat sich von 1918 bis 1933 bei dieser Schuldenmacherei damals besonders hervor, zumal ihr Oberbürgermeister der bestbezahlte Deutschlands war. Das hinderte ihn nicht daran, 1928 sein ganzes Vermögen mit einer Aktienspekulation zu verlieren, so dass er mit Mitteln aus der Kasse eines Großunternehmens wieder auf die Beine gebracht werden musste.

Berüchtigt waren seine extrem teuren kommunalen Bauprojekte. Eines dieser Bauprojekte war die allererste Autobahn Deutschlands, die er 1932 freigab (nein, nicht die Nazis weihten die erste Autobahn ein, auch wenn sie diesen Lügenmythos pflegten). Den Namen dieses Schuldenbürgermeisters kennen Sie vielleicht: Konrad Adenauer; auch damals konnte man mit Schulden Wahlen gewinnen.


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6 Gedanken zu “Schulden im Dritten Reich: Wir Kriegsgewinnler

  1. Was in diesem Artikel vollkommen außer Acht gelassen wird, ist wie die Wirtschaft in den USA denn beflügelt wurde? Ohne den Krieg wären sie nämlich genau so in einem Schuldenberg verschwunden mal ganz abzusehen von den tausenden Patenten die vor und während dem Krieg der deutschen Wirtschaft auch ein großes Potential verschafft hätten. Haber-Bosch, Bergius, Agrarchemie wären auch ohne einen Krieg ein Exportschlager gewesen. Ich finde der Artikel zeigt einiges auf, bleibt aber in der Darstellung sehr eindimensional.

    Mfg Morpheuskom

    • Korrekt: Einige große Fragen blende ich komplett aus. Warum die USA aufgestiegen sind, wäre z.B. sicher ein Buch für sich und es gibt viel Material dazu. Mir ging es um einen Aspekt der deutschen Wirtschaftsgeschichte, der selten angesprochen wird: Den roten Faden, der mit der Finanztrickserei der Nazis beginnt, mit dem eine Industrie geschaffen wurde, welche in großen Teilen den Krieg überdauerte und in Kombination mit Förderung durch die USA und Korea-Krieg das deutsche Wirtschaftswunder, von dem wir noch heute profitieren, mit ermöglichte. Das Wirtschaftswunder hat noch viele andere Ursachen, aber die werden oft beschrieben: Ich wollte mich bewusst nur auf diesen einen vernachlässigten Aspekt konzentrieren und die anderen Themen, wie Sie korrekt schreiben „außer Acht“ lassen.

  2. Sehr aufschlussreiche Darstellung.
    Es ist mir schleierhaft warum sowas wie die Finanzierung des Dritten Reichs nicht in der Schule näher behandelt wird.

  3. Sicher weil auch heute noch diese Art der Finanzierung (wir versprechen eventuell irgendwann zu bezahlen) bei fast allen Staaten üblich ist. Schade überhaupt, dass Ökonomie nicht von der Grundschule ab gelehrt wird, würde das Konsumverhalten sicher auch maßgeblich beeinflussen.

    • Stimmt, das ist sicher ein Aspekt. Meine Schulzeit ist zwar schon lange her, aber wir haben gar nichts über Wirtschaft, Ökonomie, Industrie etc. gelernt. Eigentlich verrückt, wenn man die Bedeutung dieses Themas für unsere Gesellschaft und das spätere Berufsleben sieht (oder gar die Idee selbstständig zu werden). Im Fall der Finanztricks der Nazis kommt vermutlich hinzu, dass es über diese Zeit spektakulärere Themen gibt und namhafte deutsche Firmen mitspielten.

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