Matussek, Friedman, Broder: Erfolg der Stillosigkeit

Keine Frage: Matthias Matussek, Michel Friedman und Henryk M. Broder sind erfolgreiche Journalisten. Sie hatten und haben hohe Positionen inne, veröffentlichen Bestseller und erzielen Einschaltquoten, mit denen ihre Sender anscheinend zufrieden sind. All dies wäre nicht möglich, wenn es nicht genügend Menschen gäbe, welche diese drei gut finden. Ich gehöre nicht dazu: Nach meiner Meinung vergiften sie gesellschaftliche Debatten durch einen menschenverachtenden Stil.

Matussek

Gerade las ich den Matussek-Artikel im Spiegel von 4.6.2012 über die Piratenpartei. Vorweg: Ich bin kein Freund der Piratenpartei, teile ihr Programm nicht und stehe ihren Personen skeptisch gegenüber. Aber die Auseinandersetzung von Matussek und Friedman mit den Piraten ist ein gutes Beispiel für ihren Stil. Was Matussek in seinem Artikel leistet, ist keine Kritik, sondern unwürdige Polemik. Es ist weit entfernt von der Art konstruktiver Debatte, die entscheidend dafür ist, dass eine Gesellschaft auf demokratischem Weg zu rationalen Entscheidungen gelangt. Er, Friedman und Broder sind Repräsentanten eines Stils, der polemisch polarisiert, der spaltet und Gräben vertieft, über die dann keine Dialoge und Kompromisse mehr möglich sind. Dies hier soll ein kleiner Beitrag gegen ihren Stil sein.

Matussek bringt in seinem zweiseitigen weitgehend argumentfreien Artikel eine erstaunliche Beleidigungsmenge unter. Hier eine Auswahl: Es ist die Rede von „Wohlstandsteenagern“, „erratischem Mechaniker-Gequatsche von Programmierern“, „Wohlstandsverwahrloste, die alles umsonst haben wollen“, „Ideologie des Massenklaus“, „Sauerei“, „Bürgerverachtung“, „Überheblichkeit“, „dröhnende politische Leere“, „tautologisches Dada“, „menschliche Megaphone“, „Theorieniveau des Yps-Magazins“, „alberne Trivialmythen“, „kindische theologische Travestie“, „Autoren-Angeberei“, „Reich der Umerziehungslager“, „kontaktgestörte Spinner“, „Geistfeindlichkeit“ und „Selbstgerechtigkeit, die mit Zauderern nicht viel Federlesen machen wird“. Wohlgemerkt: Dies sind keine Zitate aus einer Kneipenstreiterei, diesem Beschimpfungsschwall gibt das sonst von mir geschätzte „Qualitätsmedium“ „Der Spiegel“ Raum.

Ausgerechnet Matussek, der sich intensiv für den katholischen Glauben engagiert und sein wichtigstes Buch dazu im Untertitel „Eine Provokation“ nannte, unterstellt den Piraten das „Glühen einer neuen Religiösität“. „Glühende Religiösität“ wird ansonsten eher ihm unterstellt. Er wirft den Piraten vor, „ohne moralischen Kompass unterwegs“ zu sein. Ich frage mich, wie es um seinen religiös-moralischen Kompass bestellt ist, wenn er seinen Artikel damit spickt, die Piraten in die Nähe von Nazis zu stellen:

  • Ihm kommt zu den vermeintlichen Positionen der Piraten der Gedanke an eine „völkische Textgemeinschaft“.
  • Er verweist auf die Geringachtung des Urheberrechts in der Nazi-Zeit.
  • Im Begriff „Verwerter„, ein ganz normaler Begriff in der Wirtschaftswelt, erkennt er die Konnotation einer „Parasitenbande von jüdischen Krämern“, die sich „vampiristisch“ am „(Netz)Volk gütlich tut“.
  • Schließlich endet er mit dem Hinweis darauf, dass das „Begeisterungsfeuer von Halbwüchsigen“ wie wir wissen zu „Verheerungen“ führen kann, wie man es von den „totalitären Jugendkohorten des vergangenen Jahrhunderts“ kennt, womit dann wohl auch z.B. die Hitlerjugend gemeint ist.

Ist dies noch Journalismus, oder erfüllt dies bereits den Straftatbestand einer Beleidigung,  üblen Nachrede oder Verleumdung nach Paragraph 185,  186 und 187 des Strafgesetzbuchs?

Friedman

Der Rechtsanwalt Michel Friedman, der das Gesetz allerdings von beiden Seiten kennenlernte, sollte dies wissen. Matussek unterstellte den Piraten „Verletzungsbereitschaft“: Wie eine solche Bereitschaft aussieht, demonstrierte Friedman in der N24-Sendung, in der er die Piratin Marina Weisband so behandelte, dass die junge, noch unerfahrene und zu dieser Zeit sicherlich durch ihre zahlreichen Aktivitäten gesundheitlich belastete Politikerin nach der Sendung zusammenbrach. Man kann ihr vorwerfen, dass sie anscheinend nicht wusste, auf welchen Stil sie sich bei Friedman gefasst machen muss und sie dieser Art von Gespräch einfach (noch) nicht gewachsen ist.

Mit bei ihm üblicher Provokation moderierte er mit den Worten an: „Wollen Sie sich mal so richtig auskotzen, gegen alles und gegen alle, und das auch noch anonym – wählen Sie doch bitte die Piraten“. Den zweiten Diskussionsgast, den bayerischen Innenminister Herrmann, begrüsste er mit den Worten: „Ich fordere Sie auf, Ihre Pflicht endlich zu tun und dafür zu sorgen, dass Frau Weisband endlich festgenommen wird. Straftatbestand: Anstiftung zum Diebstahl geistigen Eigentums in unzähligen Fällen“. Weisband selbst wird mit Versprecher in der angegebenen Funktion begrüsst.

Zu einem Kernthema der Piraten und der Sendung, dem Urheberrecht, ignorierte Friedman mehrfach die Hinweise von Weisband, dass seine Beschreibung der Urheberrechtsvorstellungen der Piraten falsch sind. Beim zweiten Hauptthema, der Anonymität im Netz, machte er sie indirekt für den Selbstmord junger Menschen verantwortlich mit dem Hinweis darauf, dass sich junge Menschen umbringen, weil jemand im Netz anonym schrieb „Vögelt die Schlampe!“

Ähnlich wie Matussek stellte er die Piraten dann in eine NS-Ecke: Dort würde sich ein „brauner Mob“ ansammeln der andere Parteien „zum Kotzen“ bringen würde. Er legte nahe, dass die Piraten Holocaust-Leugnung betreiben und bezieht sich damit vermutlich auf Bodo Thiesen, den die Piraten wegen solcher Äußerung leider nicht aus der Partei werfen konnten.

Zur gesamten Sendung kann sich jeder mit dem oben stehenden Link einen Eindruck verschaffen. Nach der Sendung ging es anscheinend in diesem Stil weiter: Weisband schrieb über Twitter „Friedman schreit und beleidigt weiter, wenn die Kameras aus sind“.

Broder

Broder ist im Stil verwandt. Zwei Beispiele:

  • Auf seinem Blog schrieb er Folgendes: „Die Piratenpartei mit Primaten in einem Atemzug zu nennen, ist eine Beleidigung für alle Primaten. So tief kann ein Primat gar nicht fallen“. Menschen unter Tiere zu stellen, fällt Broder erstaunlich leicht.
  • Hier schrieb er unter der Überschrift „Demokratie – Idiotie – Piraterie“: „Im Mittelalter blieben nur die Henker im Schutz der Anonymität, sie verrichteten ihren Job zwar öffentlich, aber mit einer Maske über dem Kopf. Heute wollen die Piraten unerkannt im Netz Urteile vollstrecken.“ Piraten sind für Anonymität, aber wohl kaum für anonymes Netz-Mobbing und andere Arten der digitalen Urteilsvollstreckung.

Weitere Kommentare zu Broder erübrigen sich, denn die Richtung, die er vorgibt, ist klar: Auf diesen Niveau ist keine Diskussion mehr möglich und von Broder offenbar auch nicht gewünscht. Dies ist bedauerlich, weil eine Aufgabe von Journalismus nicht nur der Schenkelklopfer zur Auflagensteigerung sein sollte, sondern – so meine naive Vorstellung – die Bereicherung gesellschaftlicher Debatten mit guten Gedanken und Argumenten.

Womit Matussek, Friedman und Broder aber einen grossen Teil ihrer Zeit verbringen ist polemischer Krawall und eine Verrohung der Diskussionskultur. Sie zerstören den Dialog, sie liefern falsche Vorbilder für Journalismus und sie tun dies im Rahmen von „Qualitätsmedien“. Wo immer möglich, sollte man ihnen rechtliche Grenzen mit Hilfe der Strafgesetzbuchparagraphen zu Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung setzen.

Aber: Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft mit freien Medien und dies ist gut so. Entscheidend für den Einfluss, den diese drei und ihnen Ähnliche haben, ist am Ende der Leser und Zuschauer, dessen Quote das Verhalten der Verlage und Sender steuert. Mein Rat ist daher: Beachten Sie die ersten Sätze der Beiträge dieser drei Herren und wenn diese in Richtung der oben beschriebenen Polemik gehen, dann können Sie getrost abschalten; Sie werden nichts Wesentliches verpassen.

Wir bekommen auf Dauer genau die Journalisten, deren Produkte wir nachfragen !

Advertisements

12 Gedanken zu “Matussek, Friedman, Broder: Erfolg der Stillosigkeit

  1. Seltsam dass noch keine Horden von Broder-Anhängern und PI-ler diesen Blog gestürmt haben.
    Ich erinnere mich noch gut an folgende Begebenheit:
    http://www.scienceblogs.de/zoonpolitikon/2011/10/wir-basteln-uns-ein-weltbild-mit-dank-and-henryk-a-broder.php
    Nachdem Broder auf achgut.com geantwortet hatte ging es rund.
    Hier beschäftigt sich der Blogger Zoon Politikon nochmal mit der Sache:
    http://www.scienceblogs.de/zoonpolitikon/2011/11/der-dunningbroder-effekt.php

    • Richtig, ich erinnere mich an die Story 🙂 und ich weiß von Fällen in den USA, wo es noch wesentlich härter wurde.

      Das ist ein Grund, warum dieser Blog vorläufig noch anonym ist. Zur Zeit ist er aber ja auch so neu und klein (was sich vielleicht nie ändern wird), dass er keine Aufmerksamkeit der großen „Tanker“ wie PI und AchGut erregt. Ich lege auch keinen Wert darauf, dort mit Verweis auf meinen Blog Beachtung zu erzeugen.

      Falls es doch einmal geschehen sollte, dass von dort die Kritiker einfallen, dann hoffe ich auf den Streisand-Effekt 🙂

      http://de.wikipedia.org/wiki/Streisand-Effekt

  2. Ich erinnere mich an eine Fernseh-Talkshow, als der damalige Innenminister Schily den Historiker Hans-Ulrich Wehler niedermachte, weil dieser sich gegen einen EU-Beitritt der Türkei aussprach. Ich kann unterstellen, dass der Hans-Ulrich Wehler über die bessere Bildung verfügt, aber gegen den talkshow-gestählten Politprofi war er chancenlos. Insofern halte ich es für notwendig, wenn Journalisten den Volksvertretern gegenüber robust auftreten können. Matussek und Friedman sind eigentlich nur Rüpel, aber ein erfahrener Politiker muss ihnen gegenüber genauso robust widerstehen können. Anders ist die Sache zu beurteilen, wenn die junge und unerfahrene Politikerin Weisband in den Ring steigt. Das was sich Friedman da geleistet hat, zeugt von einer ausgewachsenen Charakterlosigkeit. Etwas anders sehe ich die Sache bei Broder. Ich glaube, bei seinen Äußerungen immer eine Spur von Humor und Kabarett zu entdecken. Da kann ich mich nicht empören und muss meistens sogar schmunzeln.

    • Wen Broder das kabarettistisch versteht, lässt er sich das aber so einiges kosten:
      Eine kleine (etwas unübersichtlcihe) Zusammenstellung diversser Prozesse. Meistens verliert er, ob er nun selber klagt oder verklagt wird.
      http://www.arendt-art.de/deutsch/Henryk_m_broder/henryk_m_broder_richter_recht_gerichte_klagen.htm

      Ich hab ja nichts gegen eine saftige Polemik, aber Broder scheint nicht anders zu können als dabei immer wieder zu beleidigen, oder Unwahrheiten zu behaupten. Anders sind die erfolgreichen Klagen gegen ihn kaum zu erklären. Umgekehrt will er aber nicht EInstecken und verklagt seinerseits seine Kritiker, oft erfolglos. Dann stellt er sich noch hin und behauptet er würde ja nicht klagen. Amüsant finde ich das schon lange nicht mehr, erinnert mich irgendwie eher an alte unzufriedene Leute unbedingt jeden Tag einen Streit mit den Nachbarn vom Zaun brechen müssen.
      >~~<

  3. Der freie Blick mag also keine Polemiker und „Spalter“. Haha 😉
    Das ist soweit ok. Und wer ein Vokabular wie „vergiften“, „menschenverachtend“, „Verrohung“ benutzt, der polemisiert nicht? Hmmm…

    • Sehen Sie ernsthaft diesen Artikel auch nur in der Nähe der Äusserungen der drei Personen? Wegen der drei Wörter? Das wollen sie also gleichsetzen mit üblen ad hominem „Argumenten“ und verunglimpfungen. Kann ich nicht nachvollziehen, auch ist der Artikel kaum polemisch, sondern im Grundtenor sachlich. Schliesslich werden Belege gebracht, was man von den genannten drei Personen nicht wirklich sagen kann.
      Die behaupten meist einfach drauflos, sie wissen ja dass eine bestimmte treue Anhängerschaft keine Belege braucht und Fakten eher stören.
      >~~<

    • Guter Punkt 🙂 In der Tat ist mein Artikel an der Grenze dessen, was ich mir als Wortwahl noch zugestehe.

      Ein paar Regeln versuche ich mir aufzuerlegen: Eine generelle Regel ist, dass ich versuche nicht Menschen zu kritisieren, sondern nur ihre Handlungen. Ich sage dann z.B. nicht, jemand sei „dumm“, sondern dass eine bestimmte Handlung von ihm nach meiner Meinung dumm war. Beleidigungen vermeide ich ohnehin.

      Ihre Reaktion ist aber eine, die ich vermeiden möchte: Mein Ziel ist, diesen Blog möglichst frei von Polemik zu halten. Ob etwas Polemik ist, liegt aber auch im Auge des Betrachters (also auch Ihrem 🙂 ). Ich werde daher das Vokabular, dass ich mir zugestehe, noch ein wenig enger fassen: Es bleiben immer noch genügend Worte übrig, um klar zu vermitteln, was mir z.B. im Verhalten der drei Herren nicht gefällt.

      Ich hoffe, Sie glauben mir dass ich durchaus lernbereit bin, z.B. wurde ich für die Verwendung des Wortes „islamophob“ in einem Kommentar kritisiert. Die Kritik fand ich berechtigt und werde den Begriff nicht mehr verwenden, denn das Wort wird inzwischen auch verwendet, um berechtigte Kritik an einigen Aspekten des Islams pauschal zu verdammen; er ist so zu einer Analogie des Wortes „Gutmensch“ geworden, der als „Unwort des Jahres 2011“ auf Platz 2 gelangte mit dem Argument, es würde „Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren“.

  4. Pingback: Fox News, Opus Dei und der Vatikan | Freier Blick

  5. Pingback: Vatikans neuer Mediensprecher: “Opus Dei” Mitglied und FOX News Korrespondent

  6. Hm…ich finde einige Bemerkungen des Herrn M. vom SPIEGEL über Piraten sehr trefflich, die Energie mit der er es vorträgt macht ihn jedoch – wie bei all seinen Publikationen – verdächtig ein ätzenderNarzisst zu sein. Daher rührt auch, dass er Logik und Stil beinhart seiner eigenen medialen Positionierung unterordnet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s