Die Diktatur des Relativismus ?

Im Jahr 2005 hatte Joseph Kardinal Ratzinger, der jetzige Papst Benedikt XVI., den großen Feind der heutigen Zeit ausgemacht: Die „Diktatur des Relativismus“. Er prägte diesen Begriff in einer Predigt, welche praktisch sein Bewerbungsgespräch um die Papstwürde war. Am 2. Juni 2012 gab es an der nach ihm benannten Hochschule Heiligenkreuz ein Symposium zu diesem Thema; hier ein Bericht darüber. Das soll hier der Anlass sein, diese behauptete Bedrohung einmal unter die Lupe zu nehmen, da der Papst diese „Diktatur“ in den letzten Jahren immer wieder als Gefahr anprangerte, wofür es häufig heftige Kritik hagelte: Heute füge ich mein kleines Hagelkörnchen hinzu.

Was meint der Papst?

In 2005 prägte der damalige Kardinal Ratzinger den Begriff mit den Sätzen: „Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt. Wir haben jedoch ein anderes Maß: den Sohn Gottes.“ Die Kritik lautet, dass der heutigen Zeit zunehmend ein fester ethischer Maßstab abhanden komme, so dass Werte nur noch als zeitgebunden und somit wandelbar gesehen würden. Dies unterhöhle die Gesellschaft und führe letztlich dazu, dass alles erlaubt ist. Ein klassisches Beispiel dafür ist aus Sicht der katholischen Kirche die Ehe zwischen Homosexuellen, welche die Institution der Ehe als Grundlage unserer Gesellschaft untergrabe.

Differenzierter als in dieser Predigt verwendete der Papst den Begriff Relativismus in seinem Buch „Werte in Zeiten des Umbruchs„, welches ebenfalls 2005 erschien. Dort ist das Kapitel IV.1 sogar überschrieben mit „Relativismus als Voraussetzung der Demokratie“. Er führt darin aus, dass es ohne Meinungsfreiheit keine Demokratie geben kann, dass die demokratische Gesellschaft aber trotzdem einen Kern fester Werte, z.B. Menschenrechte, benötigt. Dieses Dilemma will er lösen, in dem der Staat nur dafür verantwortlich ist „das menschliche Miteinander in Ordnung zu halten“, wozu Meinungsfreiheit erforderlich ist. Die Werte, die der Staat dafür braucht, müsse er aber von „außerhalb“ holen. Rein philosophische Vernunft sei dazu nicht in der Lage, aber der christliche Glaube und die Kirche, welche das Wertefundament für den Staat liefern soll, dem die Politik dann dient.

In dieser Sichtweise könnte man die „Diktatur des Relativismus“ also verstehen als die Weigerung der Gesellschaft, die von außen kommenden religiösen Werte zu akzeptieren.

Ist der Vorwurf berechtigt?

Dem deutschen Staat kann man den Vorwurf, diese Werte nicht zu übernehmen, wohl nicht machen: Er bezahlt Religionslehrer und Bischöfe, erbringt Staatsleistungen in Milliardenhöhe und schreibt das Christentum in Gesetzen fest, z.B. in vielen Landesverfassungen. Zwei Beispiele:

  • Artikel 1 der Verfassung von Baden-Württemberg: „Der Mensch ist berufen, in der ihn umgebenden Gemeinschaft seine Gaben in Freiheit und in der Erfüllung des christlichen Sittengesetzes zu seinem und der anderen Wohl zu entfalten.“
  • Laut der Landesverfassung in NRW (Artikel 7.1) ist „Ehrfurcht vor Gott“ oberstes Erziehungsziel unserer Schulen.  Dies findet sich auch in vielen anderen Verfassungen der Bundesländer.

Um den Vorwurf weiter zu untersuchen, schauen wir einmal, was Diktatur und Relativismus eigentlich sind. Eine Diktatur ist die Herrschaft einer einzelnen Person, Gruppe oder Ideologie, welche keine anderen Meinungen neben sich duldet. In der Ethik besagt der Relativismus, dass es keine festen Wertbezüge gibt, sondern Werte gesellschaftlich vereinbart werden müssen. Diese können sich wandeln, so wie sich z.B. die Einstellung zum Wert der Gleichberechtigung von Frau und Mann historisch gewandelt hat, bis sich dieser Wertewandel in Gesetzestexten niederschlug.

Mit anderen Worten: Diktatur und Relativismus erscheinen zunächst einmal wie Widersprüche. Wie kann Relativismus keine anderen Meinungen neben sich dulden, wenn er besagt, dass es Meinungsfreiheit geben sollte? Die katholische Kirche erkennt darin vermutlich eine Diktatur, weil dieser Relativismus es nicht gerne sieht, wenn jemand den Anspruch auf absolute Wahrheit erhebt, so wie es die Kirche tut.

Dieser Vorwurf sieht allerdings nicht berechtigt aus, denn viele religiöse und politische Gruppen in Deutschland meinen im Besitz absoluter Wahrheiten zu sein und ihre Meinungen werden zugelassen. Problematisch wird es erst dann, wenn diese Gruppen anderen Menschen ihre Verhaltensregeln ohne demokratischen Prozess auferlegen wollen. Der Rolle, welche dem Papst für die Kirche in dieser Gesellschaft vorschwebt, wird also aus zwei Gründen von vielen Menschen widersprochen:

  1. Es fällt schwer Werte als „absolute Wahrheit“ zu akzeptieren, wenn sie von einer religiösen Instanz stammen, an deren Gott man nicht glaubt.
  2. Die Kirche will durch „Wahrheiten“ Dinge festlegen, welche viele in unserer Gesellschaft durch demokratische Prozesse regeln möchten, etwa die nach den Rechten homosexueller Partner.

Es scheint, als würden führende Persönlichkeiten der katholischen Kirche diesen Widerspruch als „Intoleranz“ erleben. Es drängt sich der Verdacht auf, dass weite Teile dieser Kirche es als Diktatur des Relativismus empfindet, wenn man sich einer Wertediktatur des Glaubens nicht anpassen will, sondern die Bedeutung der Religion für die Gesellschaft demokratisch regeln möchte.

Sind wir „Relativisten“ ?

Der Vorwurf des Relativismus ist darüber hinaus generell unzutreffend. Untersucht man, ob die ethischen Grundlagen der heutigen Zeit relativ sind, so kommt man zu einem anderen Bild als es der Papst vermittelt: Die verbreitetste ethische Schrift dürfte die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen von 1948 sein. Ihr Artikel 1 beginnt mit den Worten „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren„.

Sie unterstellt also feste angeborene Werte und tut dies ohne einen Gottesbezug. In der Praxis ist sie natürlich ein Verhandlungsergebnis gewesen, aber das Wort „geboren“ in der Deklaration zeigt, dass die Einstellung zu diesen Rechten nicht der Gedanke ist, diese Rechte aushandeln zu müssen, sondern vielmehr, dass man sie nur identifizieren und niederschreiben muss.

Diese Vorstellung ist nahe am ethischen Konzept eines Naturrechts, welches die Würde des Menschen in der Vernunft, seiner „Natur“ oder eben auch in seiner göttlichen Schöpfung sieht. Dieses Naturrecht ist nicht zu verwechseln mit einem Recht, dass es draußen in der natürlichen freien Wildbahn gibt: Raubtiere gestehen ihrer Beute kein Recht auf Leben zu. Im Naturrecht der Menschenrechtserklärung steht aber nicht Gott im Mittelpunkt, sondern der Mensch.

Dessen Rechte werden nicht als relativ, sondern gegeben betrachtet. Identifiziert man z.B. als einen Wert „gleiche Rechte für alle“, so ist dieser Wert fixiert. Ich wage zu behaupten, dass dieser Wert in unserer Gesellschaft tief verwurzelt und nicht diskutabel ist. Dies ist nicht selbstverständlich: Es galt lange für Frauen nicht und wird z.B. von Vertretern eines indischen Kastensystem ebenso abgelehnt. Wenn aber heute „gleiche Rechte“ als fester Wert empfunden werden, so bedeutet dies nicht, dass die genaue Ausgestaltung dieses Wertes auch als fest empfunden wird. Das sich die Vorstellung davon wandelt, ab wann mit der Ausübung der eigenen Rechte die Gesellschaft oder die Rechte anderer bedroht werden, scheint mir allgemein akzeptiert zu sein.

Als Beispiel dafür kann die Einstellung zur Homosexualität betrachtet werden: Die Haltung dazu ist toleranter geworden, weil sie nicht mehr als Bedrohung der „sittlichen Basis“ unserer Gesellschaft wahrgenommen wird oder als generelle Gefahr für die Ehe. Der Papst hat daher aus meiner Sicht unrecht, wenn er behauptet, dass die vorherrschende Einstellung in unserer Gesellschaft die Annahme relativer Werte sei: Die Werte werden als fest empfunden, aber die Interpretation ihrer Anwendung wandelt sich.

Solche Wandlungen finden sich auch in der Geschichte der katholischen Kirche mit ihren vermeintlich unveränderlichen Werten. Man erkennt dies z.B. gut bei dem Thema, dessen Debatte besonders emotional geführt wird: Der Abtreibung. Das Recht auf Leben wird weder in der Kirche noch in der Gesellschaft geleugnet, aber die Frage, wann es beginnt, veränderte sich in beiden. 1854 wurde die unbefleckte Empfängnis Marias zum Dogma. Eine wichtige Folge davon war, dass 1869 Papst Pius IX den Schwangerschaftsabbruch ab der Empfängnis verurteilt, denn das Dogma würde keinen Sinn machen, wenn sie als empfangenes Kind noch unbeseelt gewesen wäre.

Vorher wurde oft die Beseelungslehre des Thomas von Aquin vertreten, die aussagt, dass der männliche Fetus seine Seele 40 Tage nach der Empfängnis erhielt, der weibliche Fetus 90 Tage. Es war jahrhundertelang Kirchenrecht (1140-1869) zwischen dem fetus inanimatus und animatus zu unterscheiden: Abtreibung war verboten, aber die eines unbeseelten Fötus wurde nicht, wie heute, von der Kirche als Mord klassifiziert. Man erkennt also auch innerhalb der Kirche einen Wandel von Wertinterpretationen.

Was sind die Folgen der „Diktatur“?

Welche Konsequenzen der „Diktatur des Relativismus“ glaubt die katholischen Kirche zu sehen? Kardinal Brandmüller, der „Chefhistoriker des Papst“, formulierte dies in seiner Rede auf dem Symposium so: „Wer den Anspruch erhebt, Wahrheit erkannt zu haben, der lebt gefährlich. Er verfällt dem Verdammungsurteil und der harten Intoleranz einer relativistischen Gesellschaft.

Was dabei als „Intoleranz“ interpretiert wird, illustriert z.B. der „Report on Intolerance and Discrimination against Christians in Europe“. Darin werden neben Zahlen auch Fallbeispiele für „Intoleranz“ aufgeführt, die unterschieden werden in Rechteverweigerung, soziale Ausgrenzung und „hate incidents“. Ich picke einige Beispiele heraus, damit die gefühlte „Diktatur des Relativismus“ konkreter wird:

  • In England wurden christliche Hotelbesitzer für die Abweisung eines homosexuellen Paares mit einer Geldstrafe belegt.
  • In Spanien musste ein Religionslehrer ein Kreuz von der Wand des gemeinsamen Lehrerzimmers nehmen.
  • Apple wird gerügt, weil eine App aus dem Store genommen wurde, welche „hate speech“ gegen Homosexuelle enthielt.
  • In Darmstadt wurde ein Pro-Life-Aktivist verurteilt, der einen Abtreibungen vornehmenden Arzt Mörder nannte.
  • In England wurden Gebete vor Gemeinderatssitzungen gerichtlich als unzulässig deklariert.
  • Ebenfalls in England trat ein Journalist gegen die Mitwirkung von Bischöfen an Gesetzesvorlagen ein.
  • In Deutschland gab es Proteste gegen das Tanzverbot an Karfreitag, die eine Prozession störten.

Bevor wir uns falsch verstehen: Es werden auch Beispiele von Vandalismus aufgeführt und bewusst provozierenden „Kunstaktionen“, welche ich verurteile. Die Beispiele zeigen aber ein bedenkliches Muster: Es wird von vielen Christen als intolerant erlebt, wenn man ihrer Intoleranz begegnet. Es wird als Verfolgung angesehen, wenn man ihren Versuch, anderen Menschen ihren Willen aufzuzwingen, begrenzt. Da sich die Kirche im Besitz der „Wahrheit“ sieht, empfindet sie die Begrenzung der Ausübung dieser „Wahrheit“ als „Diktatur des Relativismus“.

Sie sieht sich auch anderer Form von Kritik ausgesetzt: Alan Posener sieht in der Formel von der „Diktatur des Relativismus“ einen Angriff auf unsere demokratische Gesellschaft. Er sagt z.B. „diesen Relativismus wollen wir uns bewahren. Was wäre das Gegenstück, das wäre die Diktatur der Wahrheit. Diese Diktatur lässt keine Opposition zu.“ Versucht die Kirche der gesamten Gesellschaft Verhaltensregeln aufzudrängen, welche in angeblich objektiven Wahrheiten gründen, so hat Kardinal Brandmüller recht: Auf solche Versuche reagiert die deutsche Gesellschaft mit „Intoleranz“, auch wenn Posener mit der Schärfe seiner Reaktion manchmal überzogen hat.

Kommen wir noch einmal auf die oben verlinkte Rede von Kardinal Brandmüller zurück. In dieser benennt er Anzeichen für den moralischen Verfall unserer „relativistischen“ Gesellschaft und verwendet dabei ungewollt kurios anmutende Beispiele. Er zählt in seinem Vortrag ab etwa der zweiten Minute „moralische Verwüstungen“ auf, die es angeblich in vorindustrieller Zeit nicht gegeben habe. Seine ersten drei Beispiele sind:

  1. Leben und Gesundheit von Menschen werde durch Vertrieb verdorbener Nahrung und Arzneimittel riskiert
  2. Bauunternehmer verwenden minderwertiges Material, so dass Gebäude einstürzen könnten und Leben bedrohen
  3. Finanzmanager verursachen durch ihre Spekulationen die wirtschaftliche Stabilität ganzer Länder

Natürlich wurde auch in vorindustrieller Zeit verdorbene Nahrung auf Märkten angeboten und natürlich wurde auch unverantwortlich gebaut. Gerade die katholische Kirche pflegte in der Zeit des gotischen Kathedralbaus einen baustatisch unverantwortlichen Gigantismus, so dass z.B. die Kathedrale von Beauvais gleich zweimal einstürzte. Wie absurd seine Bestandsaufnahme ist, zeigt gut das dritte Beispiel:

  • Aktuell ist die katholische Kirche wieder tief in einen Finanzskandal der Vatikanbank verwickelt: Ihr Leiter Tedeschi wurde gefeuert, JP Morgan stoppte Finanztransaktionen aufgrund von Geldwäscheverdacht und das US-Aussenministerium bespricht den Vatikan in einem Bericht über Drogenkriminalität. Übrigens war die Vatikanbank auch früher schon in das Reinwaschen von Geldern des lateinamerikanischen Drogenhandels verwickelt: Die Biographie ihres früheren Direktors Erzbischof Marcinkus liest sich wie ein Roman.
  • Geht man in die von Kardinal Brandmüller genannten vorindustriellen Zeiten, so ist die Kirche ebenfalls in diverse Finanz- und Besitzskandale verstrickt. Die Konstantinische Fälschung gilt vielen als der größte Betrug der Menschheitsgeschichte, der neuzeitliche Ablasshandel der Kirche löste Empörung und schließlich die Reformation aus und die mittelalterlichen Klöster betrieben zum Teil regelrechte Fäscherwerkstätten; bekannte Beispiele sind der Codex Eberhardi und der Pseudoisidor.

So zu tun, als wäre die vorindustrielle Gesellschaft, in der die katholische Kirche mächtig war, moralisch hochstehender gewesen als die heutige, widerspricht den Fakten: Es ist Geschichtsverzerrung.

Fazit: Es gibt weder eine für Gläubige gefährliche systematische Intoleranz unserer Gesellschaft noch einen durch die „Diktatur des Relativismus“ ausgelösten moralischen Verfall, vor dem die Kirche uns retten müsste oder könnte.

Welche absoluten Werte bietet der Papst an?

Welche Position vertritt der Papst? Was sind die festen Maßstäbe, die er gegen den Relativismus stellen will? In dem eingangs genannten Zitat von 2005 ist dies ganz einfach: Der „Sohn Gottes“, also der Glaube. In seiner Bundestagsrede argumentierte er anders und sagte: „Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen„. Allerdings darf man nicht den Fehler begehen anzunehmen, es gehe dem Papst um Vernunft im herkömmlichen Sinne, denn er unterscheidet zwei Arten:

  1. Die „positivistische“ Vernunft, welche angeblich „keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen“ kann und rein funktional sei. Diese Art der Vernunft unterstellt der Papst häufig den Naturwissenschaften, deren Vorgehensweise natürlich schon seit Jahrzehnten nicht  mehr positivistisch ist, sondern z.B. dem kritischen Rationalismus folgt.
  2. Die „objektive“ Vernunft, die sich in der Natur zeigt und die auf einen Schöpfer hinweist. Hier gerät man in Bereiche, in denen die Grenze zwischen Glaube und Vernunft verwischt und je nach Zuhörerschaft der eine oder andere Begriff verwendet wird. Der Besitzer dieser „objektiven“ Vernunft und Wahrheit ist laut Selbstverständnis natürlich die Kirche selbst.

Im Grunde hat der Papst also nicht mehr zu bieten als den religiösen Glauben, der sich als Vernunft tarnt: Ein Glaube, der als „Wahrheit“ verkauft wird und eine Vernunft, die „objektiv“ genannt wird. Eine Religion, deren oberster Vertreter im Bundestag den Eindruck erwecken will, er vertrete ein von Religion unabhängiges Naturrecht.

Dies sind gefährliche Worte, die natürlich auf Kritik stoßen. Sie erinnern auch daran, das sie der ehemalige Leiter der Glaubenskongregation ausspricht, der Nachfolge der Inquisition, die noch bis 1966 einen Index verbotener Bücher führte, auf dem sich praktisch die Hälfte der Europäischen Kulturgeschichte befand. Eine Organisation, welche sich lange hinter dem Dogmatismus von Antimodernisteneid und Syllabus Errorum verschanzte und sich in wichtigen Teilen von der Öffnung der Kirche, die das zweite vatikanische Konzil einleitete, wieder abwendet. Manchmal ist ein guter Indikator für zukünftiges Verhalten vergangenes Verhalten, was hier als Warnung gemeint ist !

Die eingangs beschriebene vom Papst gewünschte Rolle der Religion als einer außerstaatlichen Instanz, welche unserer Gesellschaft absolute Werte vorgibt, möchte zumindest ich der Kirche nicht zugestehen. Sie kann ein Element des demokratischen Diskussion sein, sie kann ihre Meinung nennen und mit Argumenten belegen so wie andere Gruppen auch. Die bequeme Rolle eines Wahrheitslieferanten außerhalb der Gesellschaft, deren Botschaften an die Gesellschaft nicht diskutiert werden können, darf ihr jedoch nicht zugestanden werden. Wenn die katholische Kirche dies als „Diktatur“ und „Intoleranz“ versteht, dann mißbraucht sie diese Begriffe.

Zum Abschluß: Ich bin normalerweise kein großer Fan von Richard Dawkins. Sein Stil ist mir zu aggressiv, und dies kritisieren auch kluge Köpfe wie Neil deGrasse Tyson (ohne Erfolg wie in diesem Video). Aber zum Thema „I don’t want an absolute morality“ hat er einmal eine brilliante Antwort gegeben, mit der ich hier schließen möchte, denn sie trifft den Nagel auf den Kopf.

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5 Gedanken zu “Die Diktatur des Relativismus ?

  1. Hab den Artikel jetzt nur überflogen, weil ich schon müde werde. Was ich las gefiel mir gut. Mir scheint es, als wären viele katholische Geistliche bezüglich Moral so dogmatisch, wie Kreationisten bezüglich Naturwissenschaft. Beide meinen, diese Dinge seien in sekulären Händen schlecht aufgehoben und man müsse sie mit Religion vermischen.

  2. „Man muss doch relativieren.“ Dieser Satz ist oft zu hören. Natürlich sollte man sich über einen Sachverhalt gut informieren und möglichst verschiedene Auffasungen in der eigenen Urteilsbildung berücksichtigen. Dies sollte aber nicht dazu führen, dass man die Relativierung so weit treibt, dass ein klares Urteil nicht mehr möglich wird. Oft widerspricht ein reines Schwarz-Weiß-Denken der Wirklichkeit, aber wir müssen den Mut haben, klare Aussagen zu machen und Sachverhalte ganz klar als weiß, schwarz, hellgrau oder dunkelgrau bezeichnen. Wir brauchen eine kritische Prüfung mit darauf folgenden Aussagen, die einer Widerlegung zugänglich sind, also Aussagen jenseits von Dogmatismus und Relativismus.

    • Ich vermute, wir sehen dies ähnlich. Die Formulierung, die Popper in Buchtiteln wählte, zeigt in die Richtung: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, also eine Mischung aus Offenheit (inklusive der offenen Diskussion der Wertumsetzung) kombiniert mit klaren Grenzsetzungen, wenn Gruppen die Grundlagen dieser Werte angreifen. Den richtigen Kompromiss zu finden, ist in der Praxis sicher nicht leicht: Den totalen Relativismus lehne ich ebenfalls ab. Ganz interessant (vielleicht nicht 100% überzeugend) finde ich dazu die Position von Sam Harris in seinem recht aktuellen Buch „The moral landscape“. Eine gute Zusammenfassung gibt sein TED-Vortrag, in dem er den vollständigen Relativismus ablehnt. Link:

  3. Vielleicht interessieren Sie ein paar Anmerkungen zum Thema Ihres “Kommentatorenfreundes von nebenan”:
    1.) Es ergab sich auf Grund bestimmter Erkenntnisse, bspw. die QT und RT, ein Umbruch im Wissenschaftlichen, beginnend vielleicht vor etwa 100 Jahren.
    Das Verifikationsverfahren war nicht mehr zu halten, wurde durch die Falsifikation ersetzt, der Konstruktivismus, der u.a. betont, dass es im Wissenschaftlichen um die Suche nach (provisorischer) Erkenntnis geht, dass Erkenntnissubjekte ausschnittsartig, näherungsweise und an Interessen gebunden erfassen und theoretisieren oder Sichten bilden, fand wissenschaftlich Eingang.
    Dass Erkenntnis, vs. “Wissen”, als in “n:m”-Beziehungen zwischen Subjekt und Sache verwaltet verstanden werden kann.
    2.) Und dieser Konstruktivismus hatte auch gesellschaftliche Folgen, so kam die Frankfurter Schule auf, der Neomarxismus, der die Arbeiter und Bauern sozusagen als entscheidend revolutionäre Kräfte aufgegeben hatte und der begann sich im gesellschaftlich Konstruktivistischen um die Bildungsbürger zu kümmern, auch zu irritieren, wie Ihr Kommentatorenfreund findet.
    Aussagen wie bspw. ‘Man wird nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht.’ wurden möglich und es konnte auf einmal alles in Frage gestellt werden, auch der Realismus.
    3.) Antirealistische Sichten wurden also sozusagen epistemologisch möglich und der Moralische Relativismus ebenso, es ging Ratzinger wohl um den Moralischen Relativismus, der, wie der Schreiber dieser Zeilen findet, noch problematischer ist als die “einfache” verbrecherische sittliche Sicht, wie sie bspw. im Nationalsozialismus, im Maoismus, sog. Kulturrevolutionen betreffend, im Stalinismus, im Marxismus-Leninismus generell, Stichwort: Roter Terror, und im sogenannten Islamismus Ausdruck findet oder fand.
    Wer moralisch relativistisch unterwegs ist, hat nicht einmal ein Ziel, wenn er Verbrechen tolerierend oder gar beispringend wird.
    Dies scheint Ratzinger erkannt zu haben und sich diesbezüglich zu ärgern oder zu sorgen; bei besonderem Interesse oder Bedarf wird die Quellenarbeit nachgeholt.

    MFG
    Dr. W (liberaler Konstruktivist btw, auch humanistisch)

    PS:
    Ihr Kommentatorenfreund hat sich für das nächste Jahr vorgenommen bestimmtes Sozialverhalten in WebLogs, in ähnlichen Einrichtungen & im netzwerkbasierten Austausch generell zu ignorieren, erlaubt sich aber noch knapp, gegen Ende dieses Jahres, Ihnen recht zu geben, auf das bezogen, was gerade an anderer Stelle zu beobachten war.

    PPS:
    Zweiter Versandversuch…

    • Hallo Dr. W.

      zu 1) Ja, dieser Umbruch in den Wissenschaften vor rund 100 Jahren war mehr als nur einige neue Erkenntnisse: Es war ein anderer Blick auf die Welt. Plötzlich wurde klar, dass die grundlegenden Prinzipien der Natur sich unserer Vorstellungskraft entziehen. Unsere Sinne und Verstand sind abgestimmt auf „mittlere Grössenordnungen“: Im Bereich extremerer Größen, Geschwindigkeiten, Massen und Energiemengen gelten Gesetze, die uns unplausibel erscheinen und die wir nur mit den Mitteln der Mathematik verstehen können.

      Max Planck stieß die Tür in diese Welt mit seiner Untersuchung der Schwarzkörperstrahlung auf, einer der wenigen damals noch unerklärten Phänomene. Um sie korrekt zu beschreiben, führte er die Idee einer gestückelter (gequantelter) Wirkungen ein. Zunächst hielt er dies selbst nur für einen mathematischen Trick und nicht für ein Merkmal der Realität. Als er vor seiner Berufswahl stand, riet man ihm noch von der Physik ab, weil alles wesentliche schon erforscht sei. Ironie der Geschichte das er dann in einer scheinbar unwichtigen Ecke seiner Wissenschaft das Tor zu einer ganz neuen Physik fand und später Leute wie Einstein förderte, welche das Tor weit aufrissen.

      zu 2) Ja und nein. Die neue Physik und die damit einhergehende Erkenntnistheorie des kritischen Rationalismus (Popper) und verschiedener konstruktivistischer Ansätze beeinflussten sicherlich auch das Nachdenken über moralische Kategorien und gesellschaftliche „Gewissheiten“. Zwei Einwände hätte ich allerdings:

      a) Frankfurter Schule und Neomarxismus kamen deutlich später und die führenden Leute waren von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen wenig geprägt. Sie standen eher in einer spezifisch deutschen philophischen Tradition, die sich über mehrere Schritte von Hegel & Co. aus entwickelte. Ich bin übrigens kein grosser Freund dieser philosophischen Richtung, sondern sympathisiere mehr mit der englischen Richtung z.B. Russell und dem schon genannten Popper, die stärker von naturwissenschaftlichen Ergebnissen beeinflusst waren. Die beiden Richtungen stritten sich im Positivismusstreit der sechziger Jahre. Ein wenig gemein ist Poppers Übersetzung von Adorno:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Positivismusstreit
      http://www.pinselpark.org/philosonst/10widerkau.html

      b) Moralischen Relativismus gab es auch schon in der griechischen Antike. Er ging im religiös geprägten Mittelalter zurück und kehrte erst mit der Aufklärung zurück – auch hier vor allem in England mit Leuten wie Hume oder Hobbes – also lange vor der neuen Physik. Entscheidend war hier der Zweifel an der Religion als Quelle absoluter Werte.

      zu 3) Ja, Ratzinger meint den moralischen Relativismus. Ich bezweifele aber, dass dieser automatisch zu Gulag und KZ führen muss. Absolute Moral führte zu ähnlichen Auswüchsen wie bei Inquisition und IS. Moralischer Relativismus ist aus meiner Sicht nicht Unmoral oder Ablehnung von Moral. Ich würde aus ihm die Aufforderung ableiten, dass Moral im gesellschaftlichen Konsens entwickelt werden muss. Dabei gibt es Richtschnüre die helfen, denn nicht jede Moral wird ein stabiles glückliches Zusammenleben langfristig ermöglichen. Ohne die Gewährung von Freiheit und Menschenrechten wird zu viel Sprengkraft im Fundament der Gesellschaftsordnung stecken.

      Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. Sie legt sich auf Rechte fest, kann sie aber über die Staaten hinweg nicht religiös begründen. Sie beginnt mit den Worten

      „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet“

      Sie setzt also Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden als Ziel (ohne dies durch absolute Moral begründen zu wollen und zu können – es ist eine Übereinkunft) und leitet daraus alles andere ab.

      Erstaunlicherweise setzt sich sogar ein bekannter religiöser Führer für eine globale säkulare Ethik ein, weil er erkannt hat, dass keine Weltethik über absolute Moral aufgebaut werden kann: Der Dalai Lama. Hans Küng versucht mit dem Weltethos-Ansatz etwas ähnliches, startet aber gedanklich im religiösen Bereich und integriert humanistische Konzepte nur am Rande.
      http://www.welt.de/debatte/kommentare/article110316596/Im-Thinktank-mit-dem-Dalai-Lama.html

      Zum PS: Was das Sozialverhalten in WebLogs angeht, so teile ich Ihre Sicht. Schade ist es allerdings, wenn Autoren auf Blogplattformen, hinter denen ein so traditionsreicher Name wie „Spektrum der Wissenschaft“ steht, Artikel schreiben, in denen es eigentlich nur um sie selbst geht und in der Diskussion wenig Worte in Argumente und viele in persönliche Angriffe investieren.

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