Pfingsten, der Heilige Geist, die Dreifaltigkeit und das Filioque

Fast hätte ich es vergessen: Anlässlich der Pfingstfeiertage wollte ich noch etwas zum theologischen Hintergrund dieses Festes schreiben. Dieser ist nämlich durchaus spannend und seine korrekte Erläuterung fällt selbst vielen tief Gläubigen nicht leicht. Hier ist nun ein kleiner Artikel zur Frage was Pfingsten ist, was der Heilige Geist und wieso die Frage nach seiner Herkunft die christliche Kirche vor rund 1000 Jahren spaltete.

Pfingsten

Zunächst zur Basisfrage: Was wird an Pfingsten eigentlich gefeiert? Christen feiern die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel. Im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte wird erzählt, wie der Heilige Geist auf die Apostel in Form von Feuerzungen kommt, so dass diese in der Lage sind, in fremden Sprachen zu reden.

Petrus macht dem staunenden Volk zunächst klar, dass dies nicht daran liegt, dass die Apostel schon am frühen morgen betrunken seien, sondern dass sich eine Prophezeiung erfüllt. Er lässt zur Beeindruckung der Zuhörer dann noch einen Dreiklang folgen aus

  1. Versprechen (“ Jeder der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet„, „mein Leib wird in sicherer Hoffnung ruhen„),
  2. ein wenig Angst verbreiten („von den Wehen des Todes befreit„, „gibst mich nicht der Unterwelt preis, noch lässt du deinen Frommen die Verwesung schauen„),
  3. und ein wenig denjenigen drohen, die nicht folgen wollen („ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füße„).

Dies hinterlässt auch den gewünschten Eindruck und das Volk fragt: „Was sollen wir tun?“, worauf Petrus alle zur Taufe auffordert. Laut katholischen Katechismus gilt dank dieser Herabkunft des Heiligen Geistes: „Seit diesem Tag steht das von Christus angekündigte Reich allen offen, die an ihn glauben“ (731).

Der Heilige Geist

Was aber ist nun genau der Heilige Geist? Er ist neben Gott-Vater und Gott-Sohn der dritte Teil der Trinität Gottes. Diese Trinität ist recht komplex, denn einerseits soll es nur ein Gott sein und nicht drei, andererseits hat er drei Wesenheiten, bei der eine die andere zeugen (wie im Fall Maria’s) oder um Gnade bitten kann (wie beim Kreuzestod).

Der Begriff der Trinität bzw. Dreifaltigkeit geht auf Tertullian zurück, der von 150 bis 230 nach Christus lebte. Der Begriff setzt sich zusammen aus den Elementen „tres“ und „unitas“, also „drei“ und „Einheit“: In seiner Begrifflichkeit sind die drei Elemente eine „substantia“, aber drei „personae“ Vater, Sohn und heiliger Geist. Die Entwicklung des Konzepts der Dreifaltigkeit ist verwickelt und es gab in der Geschichte der Kirche heftige Streiterei um die genaue Ausgestaltung dieses Konzept, welche manchmal auch zu blutigen Kämpfen führte (z.B. gegen den Arianismus) oder zur Kirchenspaltung (wie die der katholischen von der orthodoxen Kirche).

Insbesondere die Frage, was der Heilige Geist genau ist, ist schwer zu beantworten. Selbst der oft recht präzise katholische Katechismus gibt keine ganz klare Definition. Man findet dort zum einen lange Listen von Dingen, welche der Heilige Geist tut, z.B.

  • verwirklicht den Ratschluß zu unseren Heil,
  • inspiriert die heiligen Schriften,
  • steht der Kirche im Lehramt bei,
  • verbindet Christus mit den Menschen in den Sakramenten,
  • usw.

Wird man gefirmt, so empfängt man die sieben Gaben des Heiligen Geists (Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht), welche zu den zwölf Früchten des Heiligen Geists führen (Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit). Außerdem wird im Katechismus dargelegt, welche Sinnbilder es für den Heiligen Geist gibt: Wasser, Salbung, Feuer, Wolke, Siegel, Hand, Finger und schließlich das bekannte Bild der Taube, als welche der Heilige Geist meist bildlich dargestellt wird.

Nebenbemerkung: Zu Pfingsten ist das Bild des Feuers natürlich gebräuchlicher als das der Taube und der Katechismus zitiert Lukas 12,49: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen„. Dies ist eine etwas unschöne Stelle, denn sie geht weiter mit „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung. Denn von nun an wird es so sein: Wenn fünf Menschen im gleichen Haus leben, wird Zwietracht herrschen: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.“ (Lukas 12, 51-53). Diese Fortsetzung nennt der Katechismus aber lieber nicht.

Das die evangelische Kirche noch größere Schwierigkeiten mit der Definition des Heiligen Geists hat, wie dieser hilflos anmutende aktuelle Artikel zeigt, ist nicht überraschend. Immerhin kommt der Artikel ehrlich zu dem Schluß: „Nicht erst die moderne Theologie, sondern bereits der biblische Befund in Sachen Geist ist markant uneinheitlich„.

Es ist aber nicht nur unklar, was genau der Heilige Geist ist, sondern auch, wo er herkommt und welche Rolle er im Vergleich zu Gott Vater und Gott Sohn hat. Im nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis heißt es:

„Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und uns lebendig macht,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“

Damit wäre der Heilige Geist also scheinbar zeitlich nachrangig, aber der Katechismus klärt, dass der Heilige Geist „von Ewigkeit her als aus einem Prinzip und durch eine einzige Hauchung hervorgeht„. Trotzdem: Von den drei Elementen der Trinität des christlichen Gottes ist der Heilige Geist der abstrakteste. Der Postillion titelte bereits satirisch: „Zu wenig Anerkennung: Heiliger Geist verlässt Dreifaltigkeit„.

Die Heilige Dreifaltigkeit

Ich möchte aber hier nicht auf dem Niveau von Satire oder billigem Spott über diese überkomplexe Gotteskonstruktion stehen bleiben, sondern als Nicht-Theologe versuchen, den Kern des christlichen Glaubens zu erläutern. Das wird etwas mühselig, aber hat man dies einmal gemeistert, kann man anschließend von sich behaupten, den Gottesbegriff der größten Religion dieses Planeten verstanden (?) zu haben. Dieser Herausforderung sollte man sich schon einmal stellen, bevor man das Christentum kritisiert.

Zur Erklärung halte ich mich ganz eng an den katholischen Katechismus und dort an den Abschnitt über das Dogma der heiligsten Dreifaltigkeit. Am Ende dieses Abschnitts heißt es: „Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit ist das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens.“ Mit anderen Worten: Wir sind hier wirklich im Zentrum des Glaubens, aber wir müssen uns auf etwas gefasst machen: Es wird „mysteriös“ und ein Grund für die Anziehungskraft dieses Gottesbegriff liegt vermutlich in diesem Geheimsnisvollen.

Zunächst stellt der Katechismus fest: „Wir bekennen nicht drei Götter, sondern einen einzigen Gott„. Dies klingt einfach, aber der Satz geht weiter damit, dass wir diesen einen Gott kennen „in drei Personen: die wesensgleiche Dreifaltigkeit„. Also ein Gott, aber in drei Personen.

Weiter heißt es dann: „Die göttlichen Personen teilen die einzige Gottheit nicht untereinander, sondern jede von ihnen ist voll und ganz Gott„. Die Logik würde nun also sagen: Wenn jede der drei Personen voll und ganz Gott ist, dann sind sie gleich (getreu des alten logischen Satzes, dass dann, wenn zwei Dinge einem dritten gleich sind, diese auch einander selbst gleich). Der Katechismus fährt dann auch fort mit dem Satz: „Der Vater ist dasselbe wie der Sohn, der Sohn dasselbe wie der Vater, der Vater und der Sohn dasselbe wie der Heilige Geist„. Dies klingt also so, als würde es nur drei verschiedene Namen für dieselbe Sache geben und das Thema wäre erledigt.

Aber wir ahnen: So einfach ist es nicht gemeint, denn der Katechismus unterscheidet nun zwischen „göttlicher Substanz, Wesenheit oder Natur“ auf der einen Seite, in der alle drei gleich sind. Auf der anderen Seite nennt er aber drei Personen von denen es heißt: „Vater, Sohn, Heiliger Geist sind nicht einfach Namen, welche Seinsweisen des göttlichen Wesens bezeichnen, denn sie sind real voneinander verschieden„.

Von den drei Personen, zu denen uns zuvor gesagt wurde, dass sie „dasselbe“ sind, heißt es nun, dass sie nicht „derselbe“ sind: „Der Vater ist nicht derselbe wie der Sohn, noch ist der Sohn derselbe wie der Vater, noch ist der Heilige Geist derselbe wie der Vater oder der Sohn. Sie sind voneinander verschieden durch ihre Ursprungsbeziehungen: Es ist der Vater, der zeugt, und der Sohn, der gezeugt wird, und der Heilige Geist, der hervorgeht„.  Bevor die Worte „zeugt“ und „hervorgeht“ ein Mißverständnis zeugen: Trotzdem sind alle drei ewig und gleichwertig. Dazu heißt es z.B. „Der Heilige Geist geht vom Vater als dem ersten Ursprung aus und da dieser es ohne zeitlichen Abstand auch dem Sohn schenkt, vom Vater und vom Sohn gemeinsam„.

Die Kernaussage lautet also, dass Gott-Vater, Gott-Sohn und der Heilige Geist drei Personen sind, welche sich über ihre Beziehungen zueinander definieren, aber trotzdem sind sie eine Substanz und so vollständig dasselbe. Diese Unterscheidung von Person und Substanz ist der entscheidende logische (?) Denkschritt. Erläutert wird dies gerne mit Analogien:

  • Ein Klee hat drei Blätter und ist doch eine Pflanze
  • Wasser hat drei Erscheinungsformen (Eis, Wasser, Dampf) und ist doch eine Substanz

Der Katechismus fasst dies zusammen mit den Worten: „Der katholische Glaube besteht darin, dass wir den einen Gott in der Dreifaltigkeit in der Einheit verehren, indem wir weder die Personen vermischen noch die Substanz trennen: Eine andere nämlich ist die Person des Vaters, eine andere die Person des Sohnes, eine andere die Person des Heiligen Geistes; aber Vater, Sohn und Heiliger Geist besitzen eine Gottheit, gleiche Herrlichkeit, gleich ewige Erhabenheit. Unzertrennlich in dem, was sie sind, sind die göttlichen Personen auch unzertrennlich in dem, was sie tun. Doch im gemeinsamen göttlichen Handeln äußert jede Person der Trinität ihre Eigenart, vor allem in den göttlichen Sendungen der Menschwerdung des Sohnes und der Gabe des Heiligen Geistes.

Viel klarer wird dieser Gottesbegriff nicht und man versteht nun ein wenig, warum es „Geheimnis des Glaubens“ heißt. Fragen Sie 100 Leute vor dem Sonntagsgottesdienst, ob sie diesen Gottesbegriff theologisch korrekt aufdröseln können oder anders ausgedrückt: Ob sie den Gott verstehen, zu dem sie beten. Ich befürchte, die Mehrheit tut es nicht.

Kirchenspaltung

Kehren wir noch einmal zu dem oben stehenden Glaubensbekenntnis zurück: Hinter dem harmlos klingenden letzten Satzteil steht eine Geschichte, die mit zur Trennung der katholischen von der orthodoxen Kirche beitrug. Dieser letzte Satzabschnitt wurde im Vergleich zu älteren Glaubensbekenntnissen von der weströmischen Kirche verändert zu „der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“. Lateinisch heißt dies „qui ex patre filioque procedit“; daher der Name: Filioque-Zusatz.

Dieser Zusatz wirkt für nicht tief gläubige Christen wie eine Kleinigkeit, aber es geht hier um das Wesen Gottes in Gestalt der göttlichen Trinität: Er betrifft also den Kern der Religion. Der Filioque-Zusatz tariert das Gleichgewicht anders aus: Wenn der heilige Geist nicht nur von Gott-Vater, sondern auch vom Sohn ausgeht, so wird der Sohn gleichwertiger und der Heilige Geist scheinbar darunter gesetzt.

Die oströmische Kirche sah dies anders: Gott-Vater ist der Ursprung der anderen Wesenheiten der Trinität: Er hat den Sohn gezeugt und den Geist gehaucht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die oströmische Kirche Gott-Vater als höherrangig ansieht. Im Gegenteil: Sie sieht alle drei Teile der göttlichen Trinität als gleichwertig an und aus ihrer Sicht wird der Heilige Geist durch das Filioque in unzulässiger Weise herabgestuft. Dies zeigt sich auch in der bildlichen Darstellung: In der weströmischen Welt wird der Heilige Geist oft durch ein Tier, in der Regel eine Taube, dargestellt. In der oströmischen als Person so wie Gott-Vater und Gott-Sohn auch.

Der Streit eskalierte im Jahr 1054. Byzanz war zu dieser Zeit militärisch wieder einmal in einer schwachen Phase: Die Normannen hatten große Gebiete erobert und die lokalen Gouverneure baten den Papst um Unterstützung. Dieser sah die Gelegenheit, für seine Hilfe Forderungen aufzustellen, um einige Punkte im langen Streit mit der oströmischen Kirche zu seiner Zufriedenheit zu ändern, z.B. die Messe in Latein statt griechisch zu halten und Azyma, also ungesäuertes Brot, für die Eucharistie zu verwenden. Damit konnte Byzanz nicht einverstanden sein: Weder der Kaiser, dessen Herrschaft eng mit der Religion verknüpft war, noch der Patriarch, der die Vormachtstellung des Papstes nicht anerkennen wollte.

Was sich dann abspielte, kommt aus heutiger Sicht einer Komödie gleich. Der Papst bestimmte einen Unterhändler um den Streit zu schlichten. Dazu wählte er ausgerechnet Kardinal Humbert von Silva-Candida, der sich im Heer des Papstes im Kampf gegen die Normannen bereits bewährt hatte. Dieser zeichnete sich durch ein überaus herrisches Wesen aus und konfrontierte seine Verhandlungspartner ultimativ mit seinen Forderungen, die er darüber hinaus beschimpfte und beleidigte. Diese reagierten wenig erfreut: Es begann ein intensiver Streit um theologische Fragen und bewusste Mißachtungen von Ehrerbietungen. Interessanterweise beschuldigte Humbert die Ostkirche auch, das Filioque aus dem Glaubensbekenntnis gestrichen zu haben, obwohl es in Wahrheit die römische Kirche war, die es hinzugefügt hatte.

Der Streit endete damit, dass Humbert in der Hagia Sophia den Patriarchen der Ostkirche exkommunzierte und dann abreiste, worauf dieser wiederum Humbert exkommunizierte. Der Papst wird bis heute von der orthodoxen Kirche nicht als oberstes geistliches Haupt anerkannt und beide Kirchen folgen unterschiedlichen Riten. Verschärft wurde die Spaltung durch den vierten Kreuzzug, der nur bis Konstantinopel kam und die Stadt 1204 plünderte. Von dieser Plünderung wurden die Kirchen nicht ausgenommen, sondern zahlreiche Heiligtümer wurden nach Rom gebracht, wo sich viele noch heute aufhalten. Die gegenseitige Exkommunikation der beiden Kirchen blieb mehr als 900 Jahre bestehen: Erst 1965 wurde sie von Papst Paul VI. und dem Patriarchen von Konstantinopel aufgehoben. Von einer Wiedervereinigung sind beide Kirchen jedoch weit entfernt: Der Streit um die Herkunft des Heiligen Geists ist der theologische Grund, die Ablehnung der Vormacht des Papst der machtpolitische.

So hat die Frage nach der Herkunft des Heiligen Geist das Morgenländische Schisma verursacht und die Christenheit gespalten. Da weiß man nicht, ob man noch „Frohe Pfingsten“ wünschen möchte.

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