China und das ignorante Europa

Vor einiger Zeit war ich auf einer Feier, bei der ich mit einer Frau sprach, die schon seit einigen Jahren im chinesischen Hochschulbereich tätig ist. Ich fragte Sie folgendes: „Wir Europäer werfen gerne den jungen Amerikanern vor, wenig über die Welt zu wissen und USA-zentriert zu denken. Wie sehen chinesische Studenten eigentlich Europa?

Ich erwartete schon einiges an Selbstbewusstsein bei den jungen Chinesen, aber die Härte der Antwort überraschte mich. Sie meinte: „Das ist eigentlich ganz einfach. Die jungen Chinesen glauben, dass die Europäer einfach die Welt nicht verstehen. Europa begreift nicht, dass es weltpolitisch und makroökonomisch in ein paar Jahrzehnten weg vom Fenster ist und Länder wie Deutschland global dann eigentlich nur noch von touristischem Interesse sind.“ Ups.

China heute

Ein paar „aber“-Kommentare fielen mir zu dem Kommentar der China-Kennerin rasch ein: Schließlich ist China auch nicht frei von Problemen, z.B. haben sie aufgrund der Einkind-Politik eine ähnliche Alterspyramide wie Deutschland mit all den Problemen, die daraus resultieren werden. Trotzdem: Es ist gut denkbar, dass wir jetzt noch in einer Phase des Technologietransfers in Richtung China sind, von der die deutsche Wirtschaft profitiert. Klingt diese ab, so wird China vom Abnehmer zum Konkurrenten und wir bewegen uns vom Industrie- zum Urlaubsland wie in der Prognose meiner Gesprächspartnerin. An Nachrichten über den industriellen Aufschwung Chinas sind wir ja inzwischen gewöhnt. Ein paar Beispiele:

  • Bau eines Riesenstahlwerks, dessen Kapazität der Hälfte der deutschen Stahlproduktion entspricht. Die deutsche Stahlindustrie weicht ohnehin schon in Richtung von Spezialstählen aus.
  • In den USA haben laut Gallup 19% der Menschen nicht genug Geld für ausreichend Nahrung, in China nur 6%. Ok: Da mag hineinspielen, was ein Amerikaner beim Thema Nahrung für „ausreichend“ hält.
  • Die Chinesen haben praktisch ein Monopol auf seltene Erden, die im Technologiebereich wichtig sind. Hier sieht man schön den Wandel weg vom Rohstoffexporteur, der anderen den Profit der Verarbeitung lässt, hin zur Technologienation, welche die Rohstoffe selbst verarbeitet.
  • Im Bereich erneuerbarer Energien wird China zum Weltmarktführer, etwa bei Solarzellen, und lässt die deutsche Solarbranche zusammenbrechen. Interessant ist die Reaktion der kapitalistischen Nationen: Die USA reagieren mit Schutzzöllen, während in Deutschland die Förderungskürzung diskutiert wird und gleichzeitig über Entwicklungshilfe-Kredite der KfW-Bank die chinesische Solarbranche indirekt gefördert wird. Währenddessen bezeichnet eines der medialen Leuchtfeuer der freien Marktwirtschaft, das Handelsblatt, das Exportverhalten der Chinesen in Deutschland als „wildern„: Ein Ausdruck, der für die deutschen Automobilhersteller in China vermutlich nicht verwendet würde.

Schriftsteller wie Gary Shteyngart entwerfen schon Zukunftsszenarien eines verarmten Westens, in dem der Dollar nur noch etwas wert ist, weil er an die chinesische Währung gekoppelt ist. Solche Szenarien entstehen eben, wenn man Entwicklungen linear fortschreibt: Das ist etwa so spannend wie die Frage, wie lang meine Zehennägel werden, wenn ich sie nie mehr schneide – historische Entwicklungen sind nicht linear.

Erstaunlicher als diese Nachrichten zum Wirtschaftswachstum finde ich aber solche Meldungen, die darauf hinweisen, wie weit China im Bereich der Spitzentechnologie und -forschung ist:

China früher

Das ist alles sehr beeindruckend und gelegentlich hört man den Satz: Die Chinesen werden die Welt übernehmen. Ja, vielleicht, aber in diesem Satz fehlt ein Wort, nämlich „wieder“übernehmen. In Europa neigen wir zu einer selbstzentrierten Geschichtswahrnehmung. Diese Ignoranz kann dann so aussehen:

  • Alles begann mit den antiken Griechen und Römern. Davor gab es vielleicht noch ein wenig in Ägypten, aber dies ging ohne kulturelle Spuren zu hinterlassen unter.
  • Danach gab es dann das dunkle Mittelalter, während dem auch im Rest der Welt nichts Wesentliches geschah.
  • Schliesslich erwachte Europa, erzielte Durchbrüche in Technik und Industrie, zeugte einen Spin-Off in Nordamerika und kolonisierte den Rest der Welt.
  • Und jetzt tauchen da plötzlich aus dem historischen Nichts Asiaten auf; zumindest wurde mir im Geschichtsunterricht dazu noch nichts beigebracht.

Wer dieses Weltbild hat, weiß über die Geschichte der Menschheit so wenig, wie diejenigen Amerikaner, welche außerhalb der USA nichts kennen und über die manche Europäer sich gerne lustig machen.

Natürlich kann ich hier nicht die chinesische Geschichte darstellen, aber mit ein paar Beispielen vielleicht Interesse dafür wecken, sich z.B. im ersten Schritt bei Wikipedia ein wenig einzulesen. Das Ergebnis mag erschütternd sein: Europa war eigentlich fast immer rückständig und erlangte erst in der Neuzeit eine führende Position. China übernimmt jetzt nicht erstmals die Führung, sondern beendet einfach die paar Hundert Jahre, in denen die Europäer mal vorne waren. Diesmal merken wir das allerdings, weil die Welt inzwischen global wurde. Zwei Beispiele:

  • Wie überlegen die chinesische Kultur war, illustriert die gigantische Flotte, mit der China unter dem Admiral Zheng He ab 1405 die Meere durchkreuzte. Seine Flotte setzte sich aus bis zu 300 Schiffen mit rund 28000 Mann Besatzung zusammen. Die größten Schiffe waren Neunmaster, die bis zu 120 Meter lang waren. Dagegen war das Flaggschiff des Kolumbus im Jahr 1492, die Santa Maria, mit einer Länge von 24 Metern eine Nussschale. Wenn die Chinesen ihre Hochseeflotte nicht stillgelegt hätten, dann würden wir vielleicht heute alle mit Stäbchen essen und in den Schulbüchern lesen, wann Europa entdeckt wurde.
  • China hatte auch zu früheren Zeiten eine beeindruckende militärische Stärke, neben der sich Europa bescheiden darstellt. Das Land bildete sich um 220 v. Chr. durch die Qin-Dynastie. Diese verfügte über eine gut ausgerüstete Armee von rund 500.000 Mann. Zum Vergleich: Zu etwa derselben Zeit kämpfte Rom an den Trasimenischen Seen gegen Hannibal mit rund 25.000 Mann, Alexander der Grosse hatte etwa 30.000, Napoleons „Grande Armee“ rund 200.000 Mann.

In der neueren Geschichte Chinas gibt es ebenfalls einige Punkte, die im Westen wenig thematisiert werden, die aber im Gedächtnis Chinas verankert sind und zu wenig Mitleid mit Europa führen. Auch hier zwei Beispiele:

  • Ab 1850 gab es in China den Taiping-Aufstand, den blutigsten Bürgerkrieg in der Geschichte der Menschheit mit 20, andere Quellen sprechen von bis zu 50 Millionen Toten. Ausgelöst wurde er durch eine radikale christliche Sekte. Angesichts dieses Blutbads kann man ein leichtes Mißtrauen der Chinesen gegenüber christlichen Religionen nachvollziehen.
  • Insbesondere die Engländer hatten vor 1800 einen schwungvollen Handel mit China betrieben, in dem es z.B. um Tee und Seide ging. Dummerweise gingen den Europäern irgendwann die Zahlungsmittel, vor allem Silber, aus. Also entstand die geniale Idee, große Teile der chinesischen Bevölkerung drogenabhängig zu machen. Wehrte sich China, so ließ man den Opiumhandel notfalls durch Kanonenboote freischießen: Ein Handelskrieg mit echten Waffen. Man stelle sich vor, die chinesische Flotte würde in Hamburg einlaufen, sich in den Weg stellende Schiffe versenken und mit dem Verkauf von Heroin beginnen. Das Buch „Why the West rules – For now“ von Ian Morris beginnt mit einem ähnlichen Szenario und untersucht dann die Frage, warum es umgekehrt kam (bisher).

Fazit: Wir müssen lernen, unser Weltbild globaler anzulegen. Dazu gehört nicht nur ein globales Verständnis für die Gegenwart, sondern auch für die Geschichte. Daran fehlt es leider in Europa noch ein wenig: Zeit zu lernen.


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