Der Islam in Europa

Vor ein paar Tagen erschien ein Heft der Zeit mit dem Titel „Der Islam in Europa: 1300 Jahre gemeinsame Geschichte“. Einer der zentralen Artikel des Heftes erschien parallel in der Online-Ausgabe. Der Artikel heißt „Heilige Krieger“ und stimulierte sofort, wie zur Zeit bei diesem Thema üblich, eine heiße Debatte. Wie heiß sie ist, kann man an der Anzahl der Kommentare sehen, welche von der Reaktion gelöscht wurde. Den Artikel fand ich, wie einige der sachlicheren Kommentatoren, unvollständig und einseitig: Zeit, etwas zu dieser Debatte beizutragen.

Zwei Artikel möchte ich dazu schreiben: Der eine, der gleich folgt, beschäftigt sich mit der Frage, welche kulturelle Bedeutung der Islam tatsächlich für Europa hatte. Der zweite geht auf die Zeit ein, in der die Mauren in Andalusien herrschten. Das Großartige, was damals in Al-Andaluse geschah, verstellt „Islamophilen“ den Blick darauf, dass auch dort kein Paradies auf Erden herrschte. Umgekehrt leugnen diejenigen „Islamophoben“, welche alles dort Geleistete in Abrede stellen, einen Teil der kulturellen Wurzeln Europas. Ich werde versuchen, eine ausgewogene Sicht zu finden.

Das Heft der Zeit tendiert auf die zu islamfreundliche Seite. Gleich zu Beginn erkennt man dies an Übertreibungen wie „Der Islam ist in Europa nicht fremder als das Christentum“ auf Seite 4 unter der Überschrift „Zu diesem Heft“. Beides sind Importreligionen aus dem Nahen Osten, aber natürlich ist der Einfluß des Christentums wesentlich größer als der des Islam, der sich nur für einige Jahrhunderte in Spanien festsetzen konnte.

Zahlen, Wissenschaft und Religion

Aber auch in vielen Details erkennt man den Hang zur Übertreibung. Nehmen wir als Beispiel unser Zahlensystem: Wir verwenden keine römischen Ziffern, sondern indisch-arabische; ein Dezimalsystem, in dem die Null eine entscheidende Rolle spielt. Dieses System entstand in Indien und erreichte Europa über die arabische Vermittlung und Weiterentwicklung der darauf aufbauenden Mathematik. Im Heft der Zeit heißt es dagegen auf Seite 55: „auch die arabischen Ziffern verdankt Europa den muslimischen Gelehrten“; diese hätten die Ziffern 1 bis 9 aus Indien importiert und die Null hinzugefügt.

Dies ist nicht nur falsch, weil das Wort „indisch“ aus der korrekten Bezeichnung „indisch-arabische“ Zahlen fortgelassen wird und weil die Null nicht von arabischen, sondern Indern eingeführt wurde. Es steckt noch ein wesentlich tieferer Fehler in dieser Aussage: Es waren keine „muslimischen“ Gelehrte, sondern in erster Linie arabische, bzw. weil dies den geographischen Raum zu sehr einengt, orientalische Gelehrte.

Viele der Wissenschaftler des arabisch-orientalischen Kulturraums hatten sogar Schwierigkeiten mit religiösen Führern; als Beispiel nenne ich Averroës, der für einige Zeit wegen Häresie nach Lucena verbannt wurde. Selbst hochrangige Fürsten hatten im orientalischen Kulturraum Probleme, wenn sie die Wissenschaft über den Glauben stellten. Ein gutes Beispiel dafür ist  Ulugh Beg, der in Samarkand eine Art Universität und ein gigantisches Observatorium aufbaute. Beides schätzen konservative Muslime wenig: Er wurde hingerichtet und sein Observatorium zerstört. Auch die Bibliothek von Alexandria wurde nicht nur von Christen um 400 zerstört, sondern im Jahr 642 die verbliebenen Reste auch von den durchziehenden Muslimen:

  • Ulugh Beg schreibt man den Satz zu: „Die Religionen zerstreuen sich wie Nebel, … aber die Arbeiten des Gelehrten bleiben für alle Zeiten. Das Streben nach Wissen ist die Pflicht eines jeden.“
  • Dem Kalifen Omar sagt man nach, daß er nach der Eroberung Alexandrias die Vernichtung der Bibliothek anordnete mit der Aussage: „Wenn die Bücher mit dem Koran übereinstimmen, so sind sie überflüssig. Wenn sie ihm widersprechen, so sind sie schädlich.“

Das Vermächtnis des Morgenlands in Europa

Es gab jedoch Zeiten eines moderaten Islam der Gläubige aufforderte nach Wissen zu streben und in denen das wissenschaftliche Leben blühte: Unsere Kultur ist voll von diesen Spuren. Der Computer vor mir würde ohne Algebra und Algorithmen nicht funktionieren: Beides sind nicht nur arabische Worte (und es gibt viele Worte arabischen Ursprungs im Deutschen), sondern an der Entwicklung der Algebra hatte der Mathematiker Al-Chwarizmi entscheidenden Anteil, von dessen Namen sich das Wort „Algorithmus“ ableitet. Andere Bereiche der Mathematik, etwa die Trigonometrie, wurden von Wissenschaftlern wie Abu l-Wafa geprägt, aber auch dessen Arbeit wurde behindert, als ein weniger wissenschaftsfreundlicher Herrscher die Zügel in die Hand nahm (ein schönes Buch zur Geschichte der Mathematik ist übrigens von Hans Wußing: „6000 Jahre Mathematik„).

In der Medizin finden wir einen der berühmtesten persischen Wissenschaftler: Avicenna, dessen Lehrbücher für rund 200 Jahre in Europa der Standard bei der Ausbildung von Ärzten waren. Aber auch im Bereich der christlichen Religion ist der arabische Einfluß enorm: Der schon genannte Averroës kommentierte die Werke des Aristoteles und prägte dadurch die mittelalterliche Theologie (die Scholastik) mit Vertretern wie Thomas von Aquin, entscheidend. Man findet sein Bild übrigens auch in Raffaels berühmten Gemälde „Die Schule von Athen„, welches im Vatikan hängt. In der gegenüberliegenden rechten unteren Ecke des Freskos findet man übrigens den iranischen Religionsstifter Zarathustra im Gespräch mit Euklid, Ptolemäus und Raffael selbst.

Diese Einflüße auf die europäische Wissenschaft in einer Zeit, in der das dunkle Mittelalter herrschte, können nicht geleugnet werden, auch wenn dies immer wieder versucht wird. Sie sollten jedoch auch nicht übertrieben werden: Sie sind einige Jahrhunderte her und die arabisch-orientalische Wissenschaft fiel nach ihrer Blütezeit ab dem 13. Jahrhundert zurück.

Was bleibt ist neben den Entwicklungen, die in diesem Kulturraum stattfanden, vor allem die Rolle als Übermittler von Wissen aus dem griechisch-römischen Erbe und aus dem orientialisch-asiatischem Kulturraum. Nach dem Ende des weströmischen Reiches um 400 verfiel das Wissen in Europa. Dafür gab es drei Gründe: Innere Streitigkeiten im des römischen Reiches, der äußere Druck der Völkerwanderung und der Aufstieg des Christentums, welche die heidnische Kultur des antiken Erbes bekämpfte.

Das antike Erbe wurde nicht, wie oft behauptet, im wesentlichen in Klosterbibliotheken erhalten: Dazu waren diese viel zu klein. Wichtiger waren der Einfluß des oströmischen Reiches (Byzanz), welches noch lange existierte, und der Wissenstransfer über das maurische Andalusien. Aber auf die Rolle von Al-Andaluse werde ich erst im zweiten Teil eingehen.

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6 Gedanken zu “Der Islam in Europa

  1. Pingback: Al-Andaluse « Freier Blick

  2. Ich habe auf Ihren Beitrag zum Thema auf ZEIT-Online im Thread Heilige Krieger eine längere Antwort verfaßt, und daruas entwickelte sich ein Paradebeispiel für die Art der Diskussion, wie sie von den Leitmedien hier in Deutschland zum Theam Islam, islamische Ideologie und Islamkritik geführt wird. Es ist ein unlauterer, im Dienste der Meinungshygiene geführter Anschlag auf das freie Wort. Ich wiederhole hier meinen Beitrag in ZEIT-Online, als Replik auf Ihren Beitrag dort:

    „Der Artikel ist gut und wichtig gegen die um sich greifende Islamphobie“ – hier muß ich entschieden widersprechen, und zwar gleich in mehrerer Hinsicht.
    Zum ersten benutzen Sie bedenkenlos den ideologischen Begriff der Islamophobie. Niemand kam bis vor wenigen Jahren auf den Gedanken, die Ablehnung einer Ideologie wie etwa den Antifaschismus oder den Antikommunismus als „Phobie“ zu titulieren – da hat Herr Khomeini ganze Arbeit geleistet, und Kohorten von Nachahmern benutzen seine Terminologie gedankenlos. Siegfried Kohlhammer hat in seinem Buch „Islam und Toleranz“ dazu geschrieben: „Die Kritiker des Islams ohne die Mühen des Argumentes zu denunzieren und zu verunglimpfen hatten bereits die Formeln vom „Feindbild Islam“ und der Vorwurf der „Islamophobie“ leisten sollen mit ihrer Pathologisierung der Islamkritik.“
    Zum zweiten liegt hier ein eklatanter Kategorienfehler vor. Herr Lüders versucht mit seinem Artikel und der massiven Überzeichnung des islamischen Einflusses auf die europäische Geistes- und Wissenschaftsgeschichte und der Romantisierung der islamischen Herrschaft in Andalusien der Kritik an der islamischen religiösen Ideologie zu begegnen – quasi die Ideologiekritik durch den Hinweis auf kulturelle Leistungen, die unter der Herrschaft dieser Ideologie erbracht wurden, zu denunzieren.
    Das ist in etwa so logisch wie die Relativierung der kommunistischen Ideologie durch den Hinweis auf Maxim Gorki, Dmitri Schostakowistsch, Wladimir Majakowski oder die Errungenschaften der sowjetischen Raumfahrt. Man könnte auch den Faschismus und die Autobahnen bemühen. Hier wird bewußt versucht zu verschleiern und zu verwischen – das Gegenteil von seriöser wissenschaftlicher Analyse, die sorgsam trennt. Es werden in Bezug auf den Islam völlig neue Maßstäbe eingeführt – um den Peinlichkeiten des Vergleichs zu entgehen. Nehmen wir die ungehdeuraen Beiträge jüdischer Künstler und Wissenschaftler zur Kulturgeschichte der Menschheit – was davon ist geeignet, die jüdische Religion, die Auswüchse des Orthodoxismus in Israel zu rechtfertigen? Hier erscheint es selbstverständlich, daß das eine mit dem anderen nichts zu tun hat – beim Islam dagegen versucht man, die kulturellen Leistungen gegen die Kritik an der Religion in Stellung zu bringen, wodurch sich die groteske Aufbauschung und das Schmücken mit fremden Federn erklären, vom „Flugversuch“ des Ibn Firnas, dem Skalpell bis zur „Erfindung“ der Algebra durch al-Chwarizmi, der doch nur weitgehend indischen Entdeckungen zusammenfaßte, oder gar die Behauptung, islamische Gelehrte hätten die Null entdeckt – eine glatte Lüge. Diese apologetischen Übertreibungen werden nur verständlich im Lichte der Abwehr der Islamkritik, der auf deren eigentlicher, philosophisch-logisch-politischer Ebene zu begegnen zugestandenermaßen schwer fällt.
    Von der gleichen Art der Einführung selektiver Maßstäbe ist die Vermeidung der in anderem Zusammenhang natürlichen Begriffe wie Eroberungskriege, imperialistische Politik, Kolonialismus, wenn es um die verschämt so genannte „islamische Expansion“, wahlweise auch „Ausbreitung des Islams“ geht – Herr Lüders spricht gar von „Einwanderung“ nach Spanien – dies grenzt an semantischen Betrug. Vom islamischen Sklavenhandel, der den der westlichen Welt im Ausmaß weit übertraf, ist kaum etwas zu hören. Stattdessen die „Rettung“ des antiken Wissens, dessen Gefährdung doch gerade das Ergebnis der islamischen „Expansion“ und der Blockade des Mittelmeerraums ab dem 7. Jahrhundert durch islamische Piraten war – mehr dazu bei Henri Pirenne. Von letzerem jedoch hört man wenig, auch nichts davon, daß die islamischen Gelehrten zur Übersetzung der Werke des Aristoteles ins Arabische gar nicht in der Lage waren – sie beherrschten das Griechische nicht.
    Dazu Rémi Brague in „The Legend of the Middle Ages“, Seite 164:
    „Es gab auch keine Muslime unter den Übersetzern des neunten Jahrhunderts. Fast alle waren Christen verschiedener östlicher Konfessionen: Jakobiten, Melchiten, und vor allem, Nestorianer (obwohl ich mir nicht sicher bin, warum die letzteren überwogen). Einige andere waren Sabier, eine etwas bizarre religiöse Gemeinschaft mit einer interessanten Geschichte, deren Eliten vielleicht die letzten Erben der heidnischen Philosophen der Schule von Athen waren. Kein Muslim lernte Griechisch oder noch viel weniger, Syrisch.. Kultivierte Christen waren oft zweisprachig, sogar dreisprachig: sie verwendeten Arabisch für das tägliche Leben, Syrisch für die Liturgie und Griechisch für kulturelle Zwecke. Die Übersetzer, die halfen das griechische Erbe an die Araber weiterzugeben, waren Handwerker, die für private Förderer gearbeitet haben, ohne offizielle Unterstützung. Man hört oft Erzählungen von dem „Haus der Weisheit“ (bait al-hikmah), einer Art Forschungseinrichtung, subventioniert von den Kalifen, das auf die Herstellung arabischer Übersetzungen von griechischen Werken spezialisiert war. Das ist eine reine Legende. Je weiter wir in der Zeit zurückgehen, desto weniger bringen die Chronisten die Tätigkeit des Übersetzens in Verbindung mit dem ‚Haus’. Als Institution war es vor allem ein Propagandabüro, das für die mu `tazilitische Lehre arbeitete, die von den Kalifen unterstützt wurde.“

    Bis hierher ging alles gut; doch nun schrieb ich in einem (der Zeichenbeschränkung geschuldeten) 5. Teil folgendes:

    „Es geht nicht darum, kulturelle Leistungen in islamisch beherrschten Ländern im Mittelalter zu leugnen – es geht darum, diese korrekt, sowohl im Kontext und in den Ausswirkungen, darzustellen, bar der interesse-geleiteten Überzeichnungen, der sich auch Herr Lüders bedient – und es geht darum, die Auswirkungen der islamischen Ideologie ganz klar zu trennen von den Errungenschaften einzelner Menschen; die Methode „Islam“, die hier am Werke ist, könnte man ebenso benutzen um via den wissenschaftlichen Entdeckungen im nationalsozialistischen Deutschland, von Philipp Lenard bis Wernher von Braun, dem Faschismus einen milden Schleier umzuhängen – ja, der Faschismus gehört zu Deutschland……
    Das Programm, das Herr Lüders und die ZEIT in ihrem Projekt 1300 Jahre Islam in Europa verfolgen, ist keines der Aufklärung, sondern der Verwischung – ein mit unlauteren und untauglichen Mitteln geführter Angriff auf die Islamkritik – ein Beispiel jenes intellektuellen Versagens, das die medialen und sonstigen Eliten Europas bereits in der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus an den Tag legten.“
    Dies wurde „moderiert“: Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn
    Daraufhin entfernte ich die Kritik an der ZEIT mit einer Bemerkung zur Moderation der Art, daß ich diese Kritik an der ZEIT zwar entfernen würde, es aber eher dürftig fände, dies tun zu müssen – und dide Reaktion war: Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentarbereich für die Artikeldiskussion gedacht ist. Anmerkungen zur Moderation senden Sie deshalb an community@zeit.de Danke, die Redaktion/mk
    Nun entfernte ich auch meine Bemerkungen zur Moderation und stellte ein:
    „Es geht nicht darum, kulturelle Leistungen in islamisch beherrschten Ländern im Mittelalter zu leugnen – es geht darum, diese korrekt, sowohl im Kontext und in den Ausswirkungen, darzustellen, bar der interesse-geleiteten Überzeichnungen, der sich auch Herr Lüders bedient – und es geht darum, die Auswirkungen der islamischen Ideologie ganz klar zu trennen von den Errungenschaften einzelner Menschen; die Methode „Islam“, die hier am Werke ist, könnte man ebenso benutzen um via den wissenschaftlichen Entdeckungen im nationalsozialistischen Deutschland, von Philipp Lenard bis Wernher von Braun, dem Faschismus einen milden Schleier umzuhängen – ja, der Faschismus gehört zu Deutschland……
    Dieses Programm ist keines der Aufklärung, sondern der Verwischung – ein mit unlauteren und untauglichen Mitteln geführter Angriff auf die Islamkritik – ein Beispiel jenes intellektuellen Versagens, das die medialen und sonstigen Eliten Europas bereits in der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus an den Tag legten.“
    und siehe da:
    „Entfernt. Bitte üben Sie Kritik sachlich und konstruktiv. Danke. Die Redaktion/vn“
    und nicht nur dies, mir wurde der Zugang zu ZEIT-Online gesperrt, mein Account gelöscht – ein Rauswurf also.

    Was ich damit beschreiben will: Dies sind erste Früchte der ideologischen Islam-Verteidigung in Deutschland, des idelogisch benutazen Begriffs der „Islamophobie“, Ergebnisse eines medialen proislamischen Feldzuges, bei dem unsere wichtigste Errungenschaft: die Freiheit der Meinung, des Wortes und damit die inhaltliche Auseinandersetzung, die untrennbar mit dieser Freiheit verbunden sind, auf der Strecke bleiben – die Kritik wird dort, wo sie substantiell wird, unterdrückt, es werden Meinungen zensiert – Widerspruch wird, wo er hartnäckig ist, geknebelt oder eben via Ausgrenzung zum Schweigen gebracht.
    Dies sind gefährliche Entwicklungen. Es handelt sich nicht mehr nur um eine Auseinandersetzung um eine religiöse Ideologie – es handelt sich um ein Programm, wie ich oben beschrieb, dessen Umsetzung an die Wurzeln unseres liberalen Selbstverständnisses geht – im Mantel einer vorgeblichen Liberaltität einer Religion gegenüber wird die Axt an die Wurzeln der Liberalität selbst gelegt.
    Wie ich oben beschrieb – die Eliten versagen erneut.

    • Vielen Dank für Ihren ausführlichen Text. Ich teile einige Ihrer Argumente und kann Ihren Frust mit der Moderation des Zeit-Kommentarbereichs verstehen. Ich vermute, ein wichtiger Grund für die Ablehnung einiger Ihrer Beiträge war der Vergleich mit dem Faschismus: Ich verstehe, womit Sie darauf hinauswollen und das es Ihnen vermutlich nicht um eine Gleichsetzung von Islam und Faschismus geht, sondern nur um gleiche mögliche Mechanismen des Schönredens. Dennoch: Man kann diesen Punkt auch klarstellen, ohne auf den belasteten Vergleich mit der NS-Zeit zurückzugreifen.

      Ein zweiter Punkt, wegen dem Ihre Beiträge abgelehnt wurden, ist vermutlich, dass Sie über die Kritik des im Artikel gesagten hinausgingen und weitreichende Motive unterstellten: Ein „Programm“, welches mit Mitteln der Verwischung Islamkritik mundtot machen möchte. Dies ist natürlich, wie die Moderation es nannte, eine „Unterstellung“, die nicht notwendig gewesen wäre und nahe an Verschwörungstheorien ist: Es genügt die Sachkritik und dann kann sich jeder Leser eine eigene Meinung bilden.

      Es ist schade, dass Ihre Argumente wegen dieser Bedenken der Moderation entfernt wurden, denn die Sachargumente sind relevant. Ihre Kritik daran, dass ich das Wort „Islamphobie“ verwendete, nehme ich mir zu Herzen: Ich hatte auch zuerst über ein moderateres Wort nachgedacht. Dieses Wort wird zur Zeit häufig zur polemischen Bekämpfung von Argumenten verwendet, so wie umgekehrt das Wort Gutmensch oder spezifischer Islamophiler und Dhimmi. Wenn Worte polemische Bedeutungen erhalten, sollte man sie meiden.

      Ich teile auch Ihre Sichtweise, dass der Artikel zwei Dinge vermischt: Die Errungenschaften der arabisch-orientalischen Kultur und Wissenschaft einerseits und die islamische Religion andererseits. Wie ich in meinem Artikel schrieb, hat die Religion oft die Wissenschaft auch im arabischen Raum behindert. Es würde ebenso nicht viel Sinn ergeben, wenn man z.B. die Dampfmaschine oder die Druckerpresse als Ergebnisse christlicher Wissenschaftler bezeichnen würde: Sie waren wahrscheinlich Christen, aber dies bestimmte ihre Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet nicht entscheidend. Komplett trennen kann man in der Blütezeit von Al-Andaluse aber Religion und Fortschritt auch nicht: Die dort zeitweise herrschende tolerante Form des Islam schaffte die Voraussetzung für kulturellen Austausch zwischen Moslems, Juden und Christen. Einige verstanden den Koran sogar als Aufforderung sich Wissen über die von Gott geschaffenen Welt anzueignen.

      Sie sprachen den Sklavenhandel der Araber an: Ja, dieser war ein signifikanter Wirtschaftsfaktor ebenso wie er es für christliche Länder war, aber er wird selten thematisiert. Der Islam wurde teils mit dem Schwert verbreitet, teils aber auch freiwillig übernommen, da mit ihm eine gut organisierte Gesellschaftsstruktur im Paket kam. Die Verwaltung der Goten führte nicht gerade zu einem hohen Lebensstandard: In vielen Gebieten Spaniens wurden die Araber daher freundlich empfangen. Als Beispielquelle nehme ich einen Film des britischen Channel 4 Senders: Ab Minute 23 sind die folgenden 3-5 Minuten interessant und sprechen die Mixtur von Schwert und freiwilliger Übernahme an:

      Sie schrieben, dass „die islamischen Gelehrten zur Übersetzung der Werke des Aristoteles ins Arabische gar nicht in der Lage waren – sie beherrschten das Griechische nicht“ und erwähnten im nächsten Satz Henri Pirenne. Er ist sicherlich nicht mehr „state of the art“ in den Geschichtswissenschaften, aber ich schaute gerade mal in sein Buch „Europa im Mittelalter“ und finde dort im Abschnitt „Der Vorstoß des Islam“ den Satz „Die Araber übersezten die Hauptwerke der antiken Philosophen“ und ein paar Zeilen später „Aristoteles wurde zum Meister der arabischen Philosophie“.

      Sie erwähnten auch Brague, der durchaus umstritten ist, aber selbst er sagt: „Spricht man vom Beitrag des Islam zur Entwicklung der abendländischen Kultur, wie es derzeit geschieht, muss man außerdem klarmachen, was man meint. Meint man die vom Islam geprägte Zivilisation, stimmt es. Meint man den Islam als Religionsgemeinschaft, war der Beitrag gleich null.“ Quelle:

      Das die Mehrzahl der Übersetzungen im Haus der Weisheit nicht von Arabern, sondern von dazu angestellten Christen und Juden durchgeführt wurden, leugnet niemand, auch nicht der entsprechende Wikipedia-Artikel, welcher dem Christen Hunayn ibn Ishaq eine entscheidende Rolle zuschreibt.

      Es wäre jedoch irreführend daraus abzuleiten, dass es keine Übersetzungen gegeben hat, die in den arabischen Kulturraum einflossen aber gar die Existenz und Bedeutung des Haus der Weisheit komplett zu negieren. Aber: Dies sind Sachpunkte, bei denen man die verschiedenen Meinungen und die Argumente für sie in Ruhe diskutieren kann. Sie sind im Kommentarbereich der Zeit in eine aufgeheizte Diskussion geraten, aber vielleicht nicht ganz unschuldig daran, dass Sie so rüde behandelt wurden: Sie haben ein paar Begriffe wie „Faschismus“ verwendet, auf die bekanntlich allergisch reagiert wird.

      Zu Ihren letzten Zeilen und der Bemerkung „die Eliten versagen erneut“ kann ich Ihnen teilweise Recht geben, auch wenn wir nicht ganz genau dasselbe damit meinen. Die Aufgabe der „intellektuellen Elite“ (ein schreckliches Wort) sollte es sein, die Diskussion sachlich und ausgewogen zu führen: Sie sollten ein intellektuelles Korrektiv zu polemischen Diskussionen sein, welche an anderen Stellen geführt werden. Der Anspruch der Zeit ist sicherlich, zu dieser Elite zu gehören. Dem Anspruch der Ausgewogenheit und der sachlichen Korrektheit wurde sie hier mit diesem Artikel nicht gerecht. Allerdings unterstelle ich der Zeit nicht ein Programm, welches die allgemeine Liberalität bedroht. Im Kommentarbereich des Artikels fand ich eine Menge zugelassener sachlicher Kritik.

      Nochmals Danke für Ihren Kommentar: Es war der erste hier auf diesem neuen Blog.

      • Vielen Dank auch für Ihre Antwort. Ich persönlich glaube nicht, daß das Beispiel des Faschismus Grund für die Eingriffe war: dieses habe ich andernorts und auch in den Kommentarteilen, die nicht entfernt wurden, angeführt: „Man könnte auch den Faschismus und die Autobahnen bemühen“ schrieb ich dort, im Anschluß an die Gegenüberstellung der kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen unter kommunistischer Herrschaft. Daß Vergleiche nicht Gleichsetzung bedeuten, ist eine Binsenwahrheit, die ich selbst in der Online-Redaktion der ZEIT für bekannt halte (wobei ich andererseits durchaus faschistoide Züge in der islamischen Ideologie erkenne, gemeinsam mit Necla Kelek, Christopher Hitchens, Ibn Warraqs oder sogar Josef Joffes, des Herausgebers der Zeit; von wissenschaftlicher Seite wird diese Verwandtschaft etwa von Malise Ruthven („A Fury for God“) durchaus schlüssig nachgewiesen).
        Ihrem zweiter Punkt, daß die Vermutung eines Programms verschwörungstheoretisch anmute und von der Redaktion als Unterstellung empfunden werden könnte, kann man ganz schlicht die Art und Weise entgegenstellen, wie in der Zeit, sowohl der Printausgabe wie im Online-Bereich mit dem Thema Islam umgegangen wird. Diese Diskussion läuft ja nun schon mehrere Jahre – jedoch kam in beiden Medien kein einziger Kritiker des Islam zu Wort, islamophile Artikel hingegen gab es in Hülle und Fülle. Zugespitzt hat sich das noch seit der Sarrazin-Debatte – seitdem gelten islamkritische Äußerungen als non grata; ich bin nicht der einzige Kritiker, der im Online-Bereich „entfernt“ wurde – Dutzende anderer erlitten das gleiche Schicksal. Einige Kommentatoren dort haben sich der Mühe unterzogen, die Politik der „Redaktionsempfehlungen“ zu untersuchen – mit dem Ergebnis, daß islamkritische Äußerungen durchweg nicht empfohlen wurden – nur konforme Äußerungen fanden Gnade – in erheblicher Spannung zu den Kriterien, die die Redaktion selbst für die Empfehlungen vorgibt. Sie können sich in diesem Thread selbst überzeugen, was empfohlen wurde und welche substantiell weit wertvollere andere nicht – hier keine pädagogische Absicht zu vermuten fällt mehr als schwer.
        Nein, ich bin der Überzeugung, daß hier ein „Programm“ verfolgt wird – das Programm, die Kritiker des Islam möglichst zu ignorieren, und dort, wo sie zu lästig werden (im Kommentarbereich) hinauszudrängen. Wie gesagt die Liste der Beispiele ist lang. Das aktuelle Heft zur Geschichte des Islam in Europa ist nur ein weiteres Beispiel.
        Sie schreiben man könne Religion und Fortschritt in der Blütezeit von Al-Andalus nicht komplett trennen. Nun, diese Blütezeit umfaßte nach Bat Ye’or, Bernard Lewis oder Siegfried Kohlhammer gerade mal 50 der 800 Herrschaftsjahre; der eigentlich Einwand bezieht sich aber darauf, daß diese Blüte gerade nicht der Religion, sondern der Zurückdfrängung von deren Einfluß zuzuschreiben war: Nicht das islamische Bekenntnis, sondern die Aufweichung der Doktrin (kenntlich im Lebenswandel der toleranteren Herrscher) waren die Voraussetzungen für ein erträgliches Nebeneinander, obwohl selbst in den tolerantesten Phasen von Gleichstellung der Dhimmis keine Spur war; die Vorteile, die nicht-muslimischse Wissenschaftler und Künstler genossen, blieben dem einfachen Juden oder Christen vorenthalten – der Hof brauchte sie nicht. Die „Toleranz“ war also kein Ergebnis der Religionsausübung, sondern gerade im Gegenteil, ist also keine islamische Errungenschaft, sondern der Religion abgetrotzt (sehr instruktiv: Siegfreid Kohlhammers „Islam und Toleranz“ soie „Die Feinde und die Freunde des Islam“)
        Der von Ihnen zitierte Satz Remi Bragues beschreibt recht genau den Einwand, den ich gegen Lüders und das ZEIT-Heft „Der Islam in Europa“ vorbringe – die fehlende Abgrenzung zwischen Zivilisation und Religion – der Beitrag der Religion „Islam“ war gleich Null.
        Ein weiterer, oft beschwiegener und verharmloster Punkt ist der islamische Antisemitismus – nur arg verdruckst wird er thematisiert, und wenn, dann meist als Importphänomen des europäischen Antisemitismus dargestellt. Der autochthone islamische Antisemitismus aus Koran und Hadithen wird verschämt verdrängt – obwohl Andrew Bostom, Ronald Nettler, Frederick Schweitzer oder Marvin Perry in ihren Arbeiten schlüssig einen eigenständigen islamischen Antisemitismus nachweisen. Chaim Noll kommt der Sache schon näher, wenn er einen sozial begründeten Antisemitismus im linken Ideologiespektrum, einen rasssisch begründeten im rechten, insbesondere bei den Nationalsozialisten, und einen religiösen Antisemitismus im historischen Christentum und im Islam konstatiert. Die kulturellen Wurzeln des sozialen wie des rassischen Antisemitismus liegen jedoch klar im religiösen Antisemitismus, der dem rassischen und sozialen den Weg bereitete.
        Noch ein letztes Wort zu den intellektuellen Eliten: Sie haben Recht, ein schreckliches Wort, sowohl in der Anmaßung (den wer hat sie ausgewählt und legitimiert?) als auch in der Frage der Kompetenz. Aber unabhängig davon – ich glaube, daß das Schauspiel, daß diese gesellschaftlich exponierte Gruppe im letzten Jahrhundert gegenüber Faschismus und Kommunismus ablieferte, sich nun gegenüber dem Islam wiederholt. Nicht etwa, weil sie ihrer moderierenden Aufgabe nicht gerecht würden: sie stehen nicht über den Welten, sondern mitten drin, sondern weil sie die von ihnen entworfenen Ideale und Paradigmen verabsolutieren und sich ideologisieren. Auch hier hat Siegfried Kohlhammer in seinem Essay „Der Haß auf die eigene Gesellschaft“ Lesenswertes geschrieben, recht ausführlich befaßten sich mit diesem Phänomen Paul Hollander in „Political Pilgrims“, Mark Lilla in „The Reckless Mind“ oder Ian MacLean in „The Responsibility of Intellectuals“. Das Beispiel der Ausgrenzung, ja Verächtlichmachung von Andre Glucksman, der unbeirrt den Finger in die Wunde Kommunismus legte vor 1989 findet seine Fortsetzung heute wenn es um Islamkritik geht. George Orwell sagte, es gebe manche Sachen für die nur ein intellektureller dumm genug sei, um an sie zu glauben. Insofern wäre es villeicht besser, weniger vom Versagen als von der Selbstüberschätzung der Intellektuellen und ihfrer Kritikunfähigkeit eigenen Positionen gegenüber zu sprechen – obwohl, bei Licht betrachtet, dies ja gerade wieder ihr Versagen ist.

  3. Auch ich habe bei zeit-online kommentiert, wurde moderiert und dann gesperrt. Natürlich auch im Zusammenhang mit dem Islam. Nachdem die Wogen der Emotionen bei vielen Kommentatoren einen Höhepunkt erreicht hatten, erlaubte ich mir auf John Lennon und seinen Song „imagine“ hinzuweisen. Da war die Sperre fällig, denn, so muss ich vermuten, die Worte „no hell below us, above us only sky“ waren geeignet die Rechtgläubigen zu beleidigen und der Integration in Deutschland einen schweren Schaden zuzufügen. Eine bemerkenswerte Blamage für ein Publikationsorgan, welches sich in maßloser Selbstüberschätzung als Flaggschiff des deutschen Liberalismus begreift.

  4. Und weiter geht´s bei der ZEIT mit der Volkserziehung, irgendwann müssen die blöden Leser doch begreifen, daß der Islam einfach nur toll und bereichernd ist…

    Zuerst mit einer Konvertitin, die ohne ihr Kopftuch nicht arbeiten kann und nun darüber jammert, daß ihre Jobsuche dadurch erschwert wird:

    http://www.zeit.de/2012/23/C-Jobboerse

    Dann mit einer Frau mit MiHiGru, die jede Frage zu eben diesem MiHiGru schon als „Rassismus“ wertet:

    http://www.zeit.de/gesellschaft/2012-05/leserartikel-rassismus-woher-dritte-generation-migranten

    …und dann mit einem Leser, der den (x-fach totdiskutierten) Islam-Ausspruch des ansonsten während seiner Amtszeit sehr farblos gebliebenen Herrn W. nochmal zur Diskussion stellen möchte:

    http://www.zeit.de/politik/2012-06/leserartikel-islam-gehoert-zu-deutschland

    Wie gewohnt wird in den Diskussionen dazu wieder eifrig zensiert…

    Zu dem erstgenannten Artikel hatte ich einen Kommentar geschrieben, in dem ich vorschlug, daß die Konvertitin, wenn es ihr unmöglich ist, ohne Kopftuch arbeiten zu gehen, sich vielleicht mal in islamisch geprägten Ländern nach einem Job umsehen sollte.

    Resultat: „Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo“

    Ach ja, und dann war da noch eine Fotoserie von „Orten, an denen Menschen Opfer rassistischer Überfälle geworden sind“

    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-05/fs-leben-mit-rassismus

    meine Frage, ob wir dann auch mit einer Fotoserie von Orten rechnen dürfen, an denen „Bio-Deutsche“ von Mitmenschen mit MiHiGru zusammengetreten oder z.B. mit Messern verletzt wurden, wurde selbstverständlich auch gelöscht, Begründung: „Entfernt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/au.“

    Es ist mittlerweile vollkommen witzlos, bei der ZEIT Kommentare zu schreiben, da alle Beiträge, die sich kritisch oder ablehnend zum Islam äussern, durch die Redaktion gelöscht werden.

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